Mitten im ``Flow``, eins mit der Welle
Dieser Artikel wurde von Charlie als Teil ihrer Abschlussprüfung in der Yoga-Ausbildung in Costa Rica verfasst. Die Aufgabe war, die Philosophie hinter Yoga mit den eigenen Worten wiederzugeben.
“Du paddelst also ganz weit aufs Meer, sitzt stundenlang herum, nur um dann 15 Sekunden lang eine Welle zu reiten?” Jeder Surfer hat diese Frage schon einmal gehört. Und nur ein Surfer weiß, was diese 15 Sekunden wirklich bedeuten. Man spricht vom „Flow“. Es ist dieser Moment, wenn alles ineinander verschwimmt und man nicht länger zwischen Brett, Ozean und Körper unterscheiden kann. Man surft die Welle, ohne zu merken, was eigentlich passiert. Man bemerkt erst, dass man voll im „Flow“ war, wenn es vorbei ist. Und man will mehr davon. Man hofft, dass es beim nächsten Mal länger anhält. Es ist der Grund, warum man wieder hinauspaddelt, zurück ins Line-Up. Erneut sitzt man und wartet auf die nächste Gelegenheit.
Wie erreicht man diesen Zustand?
Während man sitzt und wartet, ist man völlig konzentriert. Alle Sorgen hat man am Strand zurückgelassen. Das Einzige, was jetzt zählt, ist das Meer. Man starrt auf den Horizont, um zu sehen, wenn die Wellen heranrollen. Wenn man eine Gelegenheit sieht, paddelt man, um die Wellen zu erhaschen. Konzentration, Fokus, Gelegenheit, und die Entscheidung, loszupaddeln. Das Gehirn schaltet aus. Man ist noch immer konzentriert, es erfordert aber nicht länger Anstrengung. Man paddelt und paddelt. In dem Moment, wo die Welle das Brett anschiebt, springt man auf, ohne darüber nachzudenken. Man macht es, als hätte man nie etwas anderes getan. Und vielleicht ist das die Welle, bei der man wieder in den „Flow“ kommt. Vielleicht dauert es dieses Mal sogar eine Sekunde länger als beim letzten Mal.
Für all das gibt es ein Äquivalent in der Yoga-Philosophie. Was ein Surfer macht, wenn er mit seinem Brett am Ufer ankommt, entspricht den letzten vier Gliedern der acht Glieder in Yoga: Pratyāhārā ist das Ausschalten der Gedanken. Man lässt alles am Strand. Da draußen sind nur der Surfer, das Brett und vielleicht ein Neoprenanzug. Es gibt keine E-Mails, die man beantworten muss, keine Probleme zu lösen und man muss auch nicht die Einkaufsliste abarbeiten, wenn man im Wasser ist.
Dhāraṇā entspricht der Konzentrationsphase, dem Fokus, für den man sich anstrengt. Sobald ein Surfer im Wasser ist, wird Konzentration wichtig. Wenn man nur einen Moment unaufmerksam ist, verpasst man nicht nur die Welle, sondern könnte auch von ihr überschwemmt werden. Man muss sich in dieser Phase noch anstrengen, denn die Gedanken können abschweifen. Man unterhält sich mit anderen Surfern im Wasser oder trifft vielleicht noch eine neue Entscheidung fürs Abendessen.
Dhyāṇa ist, wenn man sich nicht länger anstrengen muss, um sich zu konzentrieren. Es ist ein Frühstadium der Meditation. Für den Surfer ist es der Moment, wenn er die Welle anpaddelt. Die Entscheidung wurde getroffen und der Körper weiß, was er zu tun hat. Die Gedanken ruhen. Man muss sich weiterhin anstrengen, aber es sind jetzt eher die Muskeln, nicht die Gedanken.
Samādhi ist der Moment, wo alles ineinander verschwimmt. Es ist er Zustand der völligen Meditation. Surfer, Brett und Welle werden Eins und arbeiten im Einklang.
Der lange Weg zum Flow
In der Theorie klingt das alles ganz einfach, aber wie so oft im Leben, ist es schwierig, bevor es einfach wird. Jeder, der erwartet, nach einer Surfstunde den “Flow” zu erleben, wird schnell bemerken, dass es ein langer Weg ist. Man muss viele Schritte gehen, bevor man auch nur in die Nähe kommt.
Ein weiteres Mal sind auch diese Schritte mit den acht Gliedern im Yoga vergleichbar. Vor Pratyāhārā steht Prāṇāyāma, die Kontrolle der Lebenskraft, des Atems. Wenn ihr jemals einen Eimer voller Salzwasser in die Nase bekommen habt, wisst ihr, wie wichtig es ist, den Atem zu kontrollieren, wenn man hinauspaddelt. Ein Surfer hält den Atem an, wenn er auf dem Weg nach draußen unter die Welle taucht. Er weiß auch genau, wann er wieder einatmen kann und je nachdem, wie groß die Wellen sind, kann man nach einem Wipe-Out auch ein paar Sekunden unter Wasser getaucht werden. In diesem Moment wird der Atem angehalten und in kleinen Dosen verbraucht, bis man wieder an der Oberfläche ist, ohne dabei in Panik zu verfallen. Wenn man nicht weiß, wie man seinen Atem kontrolliert und die Kapazität der Lungen richtig nutzt, kann dieser Moment angsteinflößend sein.
Vor Prāṇāyāma kommt Āsana, eine einfache, stabile Pose. Bevor diese Pose einfach und stabil wird, ist eine Menge Arbeit nötig. Manch einer spricht von Training. Man stärkt und dehnt die Muskeln. Erst, wenn sie stark und dehnbar sind, wird die Pose einfach und stabil. Nur wenige Surfer hatten die nötige Kraft und Flexibilität in Armen, Bauch und Beinen, als sie zum ersten Mal hinauspaddelten. Wahrscheinlich wurden eine Menge Schweiß und Tränen vergossen.
In der Yoga-Philosophie gibt es noch zwei weitere Glieder, die den anderen sechs vorangehen. Die Yamas und Niyamas beziehen sich auf generellen Richtlinien für ein gutes Leben und man sieht viele Parallelen im Surf-Lifestyle. Die Yamas beziehen sich auf die externe Welt und wie ein Individuum mit ihr interagieren sollte. Die erste Yama, Ahiṁsā, lässt sich mit “keinen Schaden zufügen” übersetzen und unter Surfern hört man oft, dass sie sich für die Umwelt einsetzen. Yamas wie (“nicht stehlen”) und Aparigrahā (“keine Gier”) sieht man vor allem in der älteren Generation an Surfern, die in Kleinbussen lebten, kein Interesse an gut bezahlten Bürojobs hatten und einen minimalistischen Lebensstil verfolgten. Die Dinge haben sich in den letzten Jahren etwas verändert, aber ein echter Surfer lebt noch nach diesen Prinzipien.
Die Niyamas beziehen sich auf das Innere des Individuums und die generelle Lebenseinstellung. Dazu zählen Prinzipien wie Selbststudium und, dass man akzeptiert, was ist und im Moment lebt. Falls das für euch keinen Sinn ergibt, unterhaltet euch mit einem der Surfer, die in einem Bus leben und das Leben Tag für Tag genießen.
In diesem Zusammenhang wird Surfen zum Synonym für Yoga und das stimmt, denn Yoga ist etwas, was man lebt, nicht, was man macht. Man findet es in vielen Dingen, z.B. beim Sport, Meditation, Achtsamkeit. Manch einer bezeichnet es als bewusste Dehnübung, für andere ist es ein Ausdruck des Lebens in der Gegenwart. Patanjali definiert Yoga als die Beherrschung der Bewegung der Gedanken, wenn er sagt “yogaś-citta-vṛitti-nirodhaḥ” und genau darum geht es bei jedem Schritt auf dem Weg: Die Gedanken müssen ruhen, um Samādhi zu erreichen.
Wie lässt es sich wissenschaftlicher erklären?
Die acht Glieder im Yoga wie zuvor beschrieben beinhalten Bewegung und Atmung, somit ist also der menschliche Körper im Mittelpunkt des Ganzen. Dazu gehören das Skelett, das Nervensystem, die Atemwege sowie die Muskeln auf der einen Seite, und energetische Ströme auf der anderen. Letzteres unterscheidet Yoga-Theory von Sportmedizin.
Die kośas, oder energetische Hüllen, sind wie Schichten über dem wahren Selbst und entsprechen ebenfalls den acht Gliedern im Yoga:
- Die Annamaya Kośa ist der physische Körper und am offensichtlichsten untern den kośas. Durch Āsana (das dritte Glied) bekommt man Zugang.
- Die Prānamaya Kośa ist die Atmung und wird durch Prāṇāyāma (das vierte Glied) zugänglich.
- Die Manomaya Kośa sind die Gedanken, die man durch Konzentration zugänglich macht (das fünfte und sechste Glied).
- Die Vijñānamaya Kośa ist die Weisheit, die man durch Meditation erreicht (das siebte Glied).
- Die fünfte und am wenigsten offensichtliche ist die Ānandamaya Kośa, die Glückseligkeit. Es ist das Gefühl, wenn alles Eins wird, oder Samādhi (das achte Glied).
Zusätzlich befinden sich im Körper 7 energetische Zentren, die mit spezifischen Organen und Nerven zusammenhängen. In Yoga nennt man sie Cakras, aber sie werden auch unter nicht-Yogis im alltäglichen Sprachgebrauch verwendet, um bestimmte Gefühle auszudrücken. Dazu gehören Aussagen wie: “es schlägt mir auf den Magen“, „schweren Herzens“ und „sich etwas zu Herzen nehmen“. Auch die „Schmetterlinge im Bauch” und die “Bauchentscheidung” gehören dazu. Diese Körperteile gehören zu den sieben Cakras:
- Das Mūlādhāra (Wurzel) Cakra ist am unteren Ende der Wirbelsäule und mit dem Gefühl nach Sicherheit und dem Überlebensinstinkt verbunden.
- Das Svādhiṣṭāna (Sakral-) Cakra ist zwischen den Genitalien und dem Bauchnabel und steht mit Kreativität, Überfluss und Sexualität in Verbindung.
- Das Maṇipūra (Solarplexus-) Cakra ist am Bauchnabel und steht für Perfektionismus, Selbstbewusstsein und Ego.
- Das Anāhata (Herz-) Cakra ist in der Brust und bezieht sich auf Liebe, Mitgefühl und emotionale Intelligenz.
- Das Viśuddha (Hals-) Cakra sitzt in der Kehle und im Mund und bezieht sich auf Sprechen, Zuhören und Kommunikation.
- Das Ājñā (Stirn-) Cakra ist zwischen den Augen und steht für Intuition und Weisheit.
- Das Sahasrāra (Kronen-) Cakra ist am Scheitel und steht für die Verbindung zur Quelle.
Wenn man sich die Position dieser Cakras genauer ansieht, bemerkt man, dass sie alle auf einer Linie im Körper liegen, so wie auch sie Wirbelsäule. Energie fließt zwischen ihnen. Hier kommen die Nāḍis ins Spiel. In den ursprünglichen Texten geht man von 72.000 von ihnen im menschlichen Körper aus. Drei davon bekommen in Yoga besondere Bedeutung. Die Mittellinie, die alle Cakras verbindet, ist die Suṣumṇā. Die rechte Seite wird Piṅgalā genannt, die maskuline Seite, die bewussten Gedanken und das sympathische Nervensystem. Die linke Seite ist Iḍā, das Feminine, das Unterbewusste und das parasympathische Nervensystem.
Zwischen beiden fließt dauerhaft Energie und in bestimmten Momenten sind Iḍā und Piṅgalā völlig im Gleichgewicht. Durch Yoga wird dieser Zustand erreicht.
Foto: Charles-Antoine Chevarie/SurfExpedition
Wenn alles Eins wird
Es gibt immer zwei verschiedene Sichtweisen. Der Surfer spricht vom „Flow“, den er oder sie bei der letzten Welle erlebt hat. Der Fotograf aber schaut sich das Bild an und sieht eine klare Unterscheidung zwischen Surfer, Brett und Welle. Wenn das Bild scharf und gut fokussiert ist, dann deutet nichts daraufhin, dass „alles Eins wird“. Es handelt sich dabei lediglich um zwei verschiedene Perspektiven. Auch dafür gibt es ein Äquivalent in der Yoga-Philosophie. Es geht um die Unterscheidung von Prakṛiti und Puruṣa, zwischen Ātman und Brahman.
Ātman ist die individuelle Seele, die Menschen gerne mit einem “Ich bin…“ beschreiben. Brahman hingegen ist das universelle Bewusstsein. wird generell als etwas verstanden, dass separat vom Brahman ist und in den Momenten, “wenn alles Eins wird”, spürt man, dass man nicht nur ein Tropfen im Meer ist, sondern das Meer in einem Tropfen. Im Sanskrit gibt es dafür das Wort Puruṣa, das Bewusstsein, was beständig ist. Die Materie, aus der alles gemacht ist, ist Prakṛiti, das Unbeständige. Materie verändert sich. Wenn wir wieder den Surfer betrachten, sehen wir, dass das Wasser und die Wellen, die ihn umgeben, Materie sind und sich im Verlauf der Surfsession ständig verändern. Man sieht und spürt es, wenn die Wellen sich bilden, brechen und wieder abflachen. Das gleiche gilt für den Surfer und das Brett. Beide bestehen aus Materie und verändern sich ständig. Der Surfer nimmt verschiedene Posen ein und verwendet verschiedene Muskeln. Die Unbeständigkeit des Bretts ist in diesem Szenario am wenigsten bemerkbar, aber, wenn ihr jemals eine gerissene Leash hattet, eine Finne verloren habt oder euer Board einen Kratzer hatte, dann wisst ihr, wie unbeständig diese Materie sein kann.
Prakṛiti kann man auch durch die drei Zustände erklären, die Materie durchläuft, die sogenannten Gunas: Sattva, Tamas und Rajas. Tamas entspricht der Ruhe. In unserem Beispiel ist es der Surfer, der den Ozean beobachtet, sich aber nicht bewegt. Rajas entspricht Bewegung. In unserem Beispiel wird es am sichtbarsten, wenn die Welle sich formt und der Surfer sie anpaddelt. Sattva ist die Erleuchtung, das Bewusstsein oder die Achtsamkeit. Es ist der Moment, in dem sich der Surfer nicht länger konzentriert, auf dem Board aufsteht und ohne über die einzelnen Bewegungen nachzudenken in die Welle schmilzt. Bei allem, was wir machen, sollten wir immer ein Gleichgewicht der drei Gunas anstreben. Zu viel Tamas führt zu Depression. Unser Surfer wäre sehr enttäuscht, wenn er stundenlang im Meer sitzen würde, ohne eine einzige Welle zu erhaschen. Zu viel Rajas führt zu Angstzuständen. Der Surfer paddelt vielleicht viele Wellen an, aber bekommt nicht eine davon. Das ist ebenfalls enttäuschend und anstrengend. In beiden Fällen ist es unmöglich, die Erleuchtung zu finden.
Indem wir Yoga praktizieren (oder Surfen), versuchen wir, Prakṛiti von Puruṣa zu trennen, um zu verstehen, wie wir selbst unbeständige Materie sind und uns dabei selbst wahrzunehmen. Wenn uns das gelingt, erkennen wir, dass es keinen Grund gibt, Ātman von Brahman zu trennen, oder den Ozean von einem Tropfen. Der menschliche Körper besteht zu 50-60% aus Wasser, warum sollte man ihn also vom Ozean trennen?
Foto: Charles-Antoine Chevarie/SurfExpedition
Das schlägt sich auch im Surf-Lifestyle nieder. Wenn man andere Surfer trifft oder sich einem Gruppentrip anschließt, bemerkt man, wie viele Dinge irrelevant werden. Es spielt keine Rolle, wo jemand herkommt, was er oder sie beruflich macht, welche Frisur er oder sie hat und wie man sich kleidet. Auf dem Weg ins Meer tragen wir alle ähnliche Kleidung. Wir alle tragen ein Board unterm Arm und wir paddeln gemeinsam hinaus. Wir surfen gemeinsam. Und wir kehren zum Strand zurück mit dem gleichen Lächeln im Gesicht, Resten von Sonnencreme an Ohren und Kinn, einem Ausschlag an den Beinen und verstrubbeltem Haar. Wir alle haben Haut, die in der Sonne verbrennt und die juckt, wenn wir das Salz nicht abwaschen. Und wir kommen zusammen, um das Gefühl zu teilen, wir sind eins. Das Einzige, was für Ātman in diesem Moment zählt, ist: „Ich bin ein Surfer“ und nichts anderes. Somit sind wir alle eins, gemeinsam und mit dem Ozean.








