Segeln Tag 6: Hoher Seegang
Durch die Wellen segeln
Es war bereits Charlies letzter Segeltag. Diese Woche Segeln in Griechenland war so schnell vorbei gegangen. An diesem Tag mussten sie Kythnos wirklich verlassen, um Charlie auf eine Insel zu bringen, die näher an Athen war und von wo aus sie am nächsten Tag eine Fähre würde nehmen können, um ihren Flug zurück nach London zu erwischen. Ursprünglich wollte Vangelis die Crew nach Poros bringen, aber es war ein weiterer Lockdown angekündigt worden, weil es einen Coronavirus-Ausbruch gab. Das neue Ziel war Ägina.

Der Plan war, um 6.30 Uhr aufzustehen und Kythnos um 7 Uhr früh zu verlassen. Als gutes Crewmitglied hatte Charlie sich ihren Wecker gestellt. Aber schon bevor der Wecker klingelte, hörte sie die anderen übers Deck laufen und wie sie das Boot vorbereiteten. Als nächstes hörte sie Vangelis rufen: “Schließt die Luken, wir können los!“ Moment, wie bitte? Charlie war noch nicht einmal aufgestanden. Wie konnten sie schon abfahrbereit sein? Sie zog sich schnell an und ging an Deck, um zu sehen, ob sie noch etwas helfen konnte. Sie fühlte sich schlecht, dass sie nicht geholfen hatte, aber sie wusste auch gar nicht, wie die anderen so früh auf sein konnten. Daria hatte davon ebenfalls nichts mitbekommen. Es war keine Zeit für einen Kaffee und sie verließen den Hafen von Loutra. Es war ein wunderschöner Sonnenaufgang an diesem Tag, aber Charlie wollte nicht nach unten gehen, um die Kamera zu holen, falls sie doch noch bei etwas helfen könnte. Sie fühlte sich noch immer schlecht, dass die anderen die Arbeit gemacht hatten, als sie schlief.
Stürmische Bedingungen ohne Sturm
Das erste, was Charlie auffiel, war, dass Vangelis das Steuer nicht aus der Hand gab und er bat Pablo, ihm seine große, rote, wasserdichte Jacke zu bringen. Charlie erinnerte sich, dass sie am Tag zuvor in Kythnos geblieben waren wegen des schlechten Wetters auf See. Sie würde es gleich verstehen. Je weiter sie herausfuhren, umso bewegter wurde die See. Von allen Seiten spritzte Wasser ins Boot. Charlie weiß jetzt auch, wofür die Spritzhaube gut ist. Versteht das nicht falsch, es war trotzdem ein schöner, sonniger Tag mit blauem Himmel, aber sehr windig und mit hohen Wellen. Man könnte es als stürmisch beschreiben, nur dass es eben keinen Sturm gab. Der Wind hatte die Stärke 7 und die Wellen waren bis zu 4m hoch. Vangelis genoss das und Charlie bereute, am Tag zuvor keine neuen Tabletten gegen Seekrankheit gekauft zu haben.
Zur gleichen Zeit war auch Pablo aufgefallen, dass durch die Ankerbox Wasser ins Boot kam. Das vordere Bad war bereits überflutet und sie mussten die Pumpe starten. Durch die starken Winde war auch am Mast etwas abgefallen, das Pablo reparierte. Charlie hätte gerne geholfen, aber ihr Körper riet ihr, sich nicht zu bewegen…Was für ein Tag!
Blauer Himmel, seekrank und starke Winde
Charlie fühlte sich nun gar nicht mehr gut und sie saß am Rand des Bootes, starrte auf den Horizont mit beiden Händen am Geländer. Sie hoffte, dass das mulmige Gefühl bald aufhören würde. Das Wasser spritzte weiter ins Boot und jedes Mal, wenn der Wind gerade ihre Kleidung getrocknet hatte, wurde sie wieder nass. Da ihr Ausflug recht spontan und sie nicht auf einen Segelausflug vorbereitet war, hatte sie keine wasserdichte Jacke oder einen Neoprenanzug dabei. Der blaue Himmel kann sehr täuschen. Man unterschätzt schnell, wie kalt es werden kann, wenn die Sonne scheint. Vangelis erwähnte, dass dies gute Bedingungen für eine Unterkühlung waren, aber sie dachten noch immer, dass alles gut wäre.
Charlie dachte das nicht mehr, als sie das Gefühl in Fingern und Zehen verlor. Sie bewegte sie, versuchte sich aber dabei weiterhin an der Reling festzuhalten. Ihr war jetzt wirklich kalt. Sie fragte Vangelis, ob es eine Möglichkeit gab, das Boot zu verlangsamen und die Bewegungen zu verringern, sodass sie unter Deck gehen und sich etwas Warmes anziehen könnte. Dort unten würde es warm sein, allerdings ist unter Deck zu gehen eine sehr schlechte Idee, wenn man seekrank ist. Kurz darauf gab Vangelis ihr zu verstehen, dass jetzt ein guter Moment sei. Das war Charlies Zeichen. Sie ging nach unten, um sich umzuziehen. Das Boot schwankte noch immer stark und es war nicht so leicht, sich umzuziehen. Charlies Magen gefiel das überhaupt nicht. Sie schaffte es wieder nach oben und genau in dem Moment als sie sich setzte, drehte sich ihr der Magen um. Ihr gesamter Körper hing nun über der Reling und sie war froh, an diesem Tag noch nichts gegessen zu haben. So hatte sich Charlie den letzten Segeltag nicht vorgestellt. Es war ihr auch etwas peinlich. Zum Glück war sie mit ihrem Leid nicht allein. Julio war auch seekrank.
Wie sehr musst du den Flug bekommen?
Zwischendurch fragte Vangelis Charlie, wie wichtig es war, den Flug zu bekommen. Charlie war nicht sicher, worauf er hinauswollte, aber sie musste es zumindest bis Dienstagabend nach Athen zurückschaffen, um ihre Online-Meetings wahrnehmen zu können. Vangelis rief kurz jemanden an und änderte den Plan. Anstelle von Ägina nahmen sie nun Kurs auf Poros. Die Insel war wieder unter Coronavirus-Einschränkungen, aber der Hafen war offen. Man musste nur konstant Maske tragen. Das war annehmbar.
Je näher sie dem Land kamen, umso besser wurde es mit Charlies Seekrankheit, aber ihr war noch immer kalt und sie hatte Schwierigkeiten, die Augen offen zu halten und verfiel in Sekundenschlaf. Sie trug bereits ein T-Shirt und zwei Pullover, aber ihr war immer noch kalt. Vangelis brachte ihr eine weitere Jacke, einen Wintermantel. Wer hätte gedacht, dass sie den brauchen würde?
Als sie sich langsam aufwärmte und auch ihr Magen sich wieder beruhigt hatte, wagte sie einen Schluck Wasser zu trinken. Dehydration war das Letzte, was ihr Körper jetzt gebrauchen konnte. Ihr Magen war damit einverstanden und sie fühlte sich etwas besser.
Die Insel Poros
Sie kamen um 14 Uhr nachmittags am Hafen von Poros an und Charlie war von solch beeindruckender Schönheit begeistert. Das Wasser war hellblau und man konnte die Pinien nicht nur sehen, sondern sogar riechen. Durch die Coronavirus-Beschränkungen war alles relativ leer und es war ruhig im Hafen. Dieses Mal war es nicht schwer, einen Anlegeplatz zu finden und sie konnten auch seitlich anlegen, was Vangelis für diesen Hafen eh bevorzugt hatte. An den anderen Orten hatten sie immer mit dem Heck angelegt und den Anker gesetzt.
Charlie war jetzt zumindest in der Lage, beim Platzieren der Fender an der Seite des Bootes zu helfen. Sie hatte nach und nach die Schichten an Kleidung abgelegt und ihr Körper hatte wieder Normaltemperatur. Ihr Magen vermerkte ein Hungergefühl. Es war ein abenteuerlicher Ausflug mit Seekrankheit, Unterkühlung, einem Masten, der auseinanderfiel und Wasser, das ins Boot eindrang – all das noch vor dem Frühstück!
Die Taverne war nur 3 Schritte entfernt von der Anlegestelle und sie bestellten ein deftiges Menü. Pablo und Julio verbrachten den Rest des Tages damit, das Boot zu reparieren. Es war doch mehr Wasser eingedrungen als gedacht und das wirkte sich auf die Elektrizität aus. Für Charlie gab es da nichts zu tun und sie ging in das Café gegenüber, um ein paar E-Mails zu beantworten.
Später am Nachmittag gingen sie an einem Strand in der Nähe schwimmen, bevor Pablo und Julio weiter am Boot arbeiten, um die Stromzufuhr zu reparieren. Für Charlie gab es noch immer nichts zu tun und sie ergriff die Gelegenheit, um ein paar Fotos von diesem schönen Ort zu machen. Die Sonne war gerade am Horizont verschwunden und alles war in goldenes Licht getaucht: der Hafen, die Wassertaxen, mit denen man die Bucht überquerte, die leeren Cafés und Restaurants sowie die Geschäfte. Es hatte etwas von einer Geisterstadt, aber eine schöne, farbige Stadt. Charlie hätte noch etwas länger an diesem Ort bleiben können…