Segeln Tag 5: Kythnos
Griechische Gassen, Bergbau und ein Kräutergarten
Sie alle wachten an diesem Morgen wieder um 6 auf, denn sie wollten Kythnos um 7 Uhr verlassen. Als sie ihren Morgenkaffee an Bord genossen, analysierten sie die Situation. Das Wetter würde an diesem Tag nicht sehr gut sein mit starken Winden und Regen. Außerdem hatten im Hafen nun so viele Boote geankert, dass es schwer werden würde, herauszukommen. Sie würden zumindest warten müssen, bis das Boot, dessen Anker ihnen den Weg versperrte, wegfahren würde. Somit kam Vangelis also zu dem Entschluss, Kythnos an diesem Tag nicht zu verlassen und die Crew ging stattdessen frühstücken. Einige von ihnen waren ein bisschen grummelig, dass sie umsonst so früh aufgestanden waren, aber so ist das eben, wenn man von der Natur abhängt, und insbesondere vom Meer.

Noch mehr Segeltheorie
Da sie jetzt den ganzen Tag Zeit hatten, war es die perfekte Gelegenheit für noch etwas mehr Segeltheorie, die sie am Tag zuvor in Kythnos angefangen hatten. In der ersten Lektion ging es um Knoten. Für Charlie war es eine Auffrischung, aber für Julio war es neu. Charlie war überrascht, wie gut sie sich an den Stopperknoten und den Palstek erinnerte. Jetzt lernte sie auch, wie sie die Fender am Boot festband. Dann ging es weiter mit Karten und Navigation. Charlie nutzte einen Kompass und eine Karte, um den Unterschied zwischen magnetischem und geographischem Norden zu berechnen, fügte die Varianz hinzu, um sicherzugehen, dass sie an verschiedenen Orten der Welt in die richtige Richtung segeln würden. Das war natürlich alles hypothetisch, denn in Wirklichkeit verließen sie den Hafen von Loutra an diesem Tag nicht.
Auf Erkundungstour in Kythnos
Vangelis war nicht nur der Segellehrer, sondern auch der perfekte Touristguide. So hatte er schon eine Idee, wie sie den Nachmittag in Kythnos verbringen könnten. Er hat zuvor schon die Touren eines Guides vor Ort, Giorgios, an Segelschüler empfohlen, aber er hatte nie selbst teilgenommen. Er rief ihn an, um zu sehen, ob er an diesem Tag Zeit hatte und er hatte! Pablo und Julio hatten kein Interesse, aber Charlie und Daria teilten sich mit Vangelis ein Taxi ins Innere der Insel und auf die andere Seite von Kythnos. In einer kleinen Ortschaft versteckt in einem Tal mit Namen Dryopida würden sie Giorgios treffen, um mehr über die Insel zu erfahren.

Auf dem Weg dahin sahen sie ein wenig mehr von der Insel und Charlie erinnerte es sehr an Malta: trocken, steinige Hügel und nie weit entfernt von der Küste. Es gibt viele Steinmauern, die Eigentumsgrenzen im Land markieren, denn die gesamte Insel ist in Privatbesitz. Wenn man eine doppelte Mauer sieht, ist das ein öffentlicher Weg, der für Esel angelegt worden war. Kythnos war einst mit Olivenbäumen bedeckt, aber es wurde im Laufe der Zeit fast komplett abgeholzt. Charlie weiß nicht mehr, ob sie zu früh waren, oder Giorgios zu spät, aber sie hatten noch Zeit für einen Kaffee in Dryopida. So bekamen sie schon einen Eindruck von dem Ort mit seinen engen, aber hübsch geschmückten Gassen.
Ein Ort in der Geschichte
Die Geschichte der Insel Kythnos geht bis 10.000 v.Chr. zurück und jede Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Unter den 32 Inseln der Kykladen liegt sie am nächsten an Athen. Die bekanntesten dieser Inseln sind Mykonos und Santorini, aber Kythnos ist weniger touristisch und hat die größte Flotte an Fischerbooten, Honig und Ziegen. In der Geschichte war es ein strategisch wichtiger Handelspunkt. Aus diesem Grund wurde zum Beispiel unter venezianischer Herrschaft eine Burg gebaut. Giorgios fügte eine interessante Anekdote hinzu über einen Osmanischen Eroberer, der als schwangere Frau verkleidet die Burg einnehmen konnte.
Dryopida ist wie so viele andere Orte auf der Insel in einem Tal versteckt, sodass es vom Meer aus nicht gesehen werden konnte. Das sollte in längstvergangener Zeit Piratenangriffe verhindern. Aus dem gleichen Grund baute man hauptsächlich Hopfen an, denn wenn Piraten es niedergebrannt hatten, würde es in nur einem Jahr wieder wachsen und die Ernte war nicht ganz verloren.
Bevor sie ihren Stadtrundgang begannen, schauten sie sich die Umgebung an und Giorgios wies auf eine Besonderheit der Insel hin: die Dachziegeln aus Keramik. Diese sind auf den griechischen Inseln nicht üblich, dafür aber umso mehr auf Kythnos. Falls ihr mehr über die Keramikarbeiten erfahren möchtet, bietet Giorgios auch eine spezielle Tour an, bei der man sogar selbst in einem Töpferkurs Hand an den Ton anlegt.
Überall Kirchen
Eine weitere Besonderheit der Insel Kythnos ist die Vielzahl an Kirchen. Es gibt ungefähr 400 Kirchen für 1500 Einwohner. Dementsprechend war der erste Halt in der Kathedrale von Dryopida, die in den 1870er Jahren gebaut worden war. Man spricht von einer Kathedrale, weil es die Hauptkirche im Ort ist, aber sie ist in keinster Weise mit der Größe der Notre Dame in Paris oder der Sagrada Familia in Barcelona vergleichbar. Charlie war beeindruckt. Sie hatte noch nie zuvor eine griechisch-orthodoxe Kirche gesehen und war überrascht, wie farbig sie dekoriert war. Es gab keine einzige weiße Stelle an der Wand und die Gemälde sorgten für eine schöne Atmosphäre. Charlie hatte ein Million Fragen und hätte wohl ein paar Stunden mit der Erkundung jedes Details dieses schönen Ortes verbringen können. Der Altar würde von einem Architekten wahrscheinlich Raumteiler genannt, aber bleiben wir bei der korrekten Bezeichnung als Heiliger Wand. Der Eingang, vor dem sie standen, war nur für Priester. Bei dieser Gelegenheit erwähnte Vangelis, dass Priester in der griechisch-orthodoxen Kirche heiraten und Kinder haben dürfen. Sie dürfen sogar das Land bewirtschaften und sich den anderen Männern auf einen Ouzo in der Taverne anschließen.
Unter der Erde
Der nächste Halt war die Katafyki-Höhle, dessen Name vom griechischen Wort für “Zufluchtsort“ kommt. Dryopida brauchte in der Geschichte nie eine Burg, denn die Einwohner konnten sich im Falle eines Piratenangriffs in der Höhle verstecken. Der erste Teil war eindeutig eine natürlich geformte Höhle, die vor tausenden von Jahren durch Wasser geformt worden war. Es gibt ein paar beeindruckende Stalaktiten zu bewundern und mit etwas Vorstellungsvermögen erkennt man vielleicht die Qualle, den Embryo und die Korallenformationen. Tiefer im Inneren wird die natürliche Höhle zur Mine, wo Eisen abgebaut wurde. Diese Aktivitäten wurden nach 1935 eingestellt, weil sich die manuelle Arbeit nicht mehr lohnte. Eisen konnte in anderen Teilen der Welt kostengünstiger gewonnen werden. Die Werkzeuge und Schienen, die dafür verwendet worden waren, wurden anschließend in der Landwirtschaft eingesetzt. Aus diesem Grund sind nur noch wenige Spuren der ehemaligen Tätigkeit in der Höhle erkennbar.
Das Dorf der Stufen und ein Kräutergarten
Als sie durch den Ort schlenderten wies Giorgios auf beeindruckende architektonische Arbeiten hin sowie die wahrscheinlich kleinsten „Straßen“, die Charlie je gesehen hatte. Überall in Europa würde man von einem engen Pfad sprechen, aber Giorgios sprach fortlaufend von „Straßen“. Kein Auto, nicht einmal der Fiat 500, könnte jemals hier entlangfahren. Sie waren nicht nur eng, sondern es gab auch sehr viele Stufen. Charlie mochte es sehr, denn es war etwas Besonderes und sehr authentisch. Alles im Ort ist außerdem sehr gut erhalten mit Blumen und frischem Anstrich. Natürlich handelt es sich dabei um die traditionellen, weißen Fassaden mit blauen Fenstern, die wir alle sofort als typisch griechisch erkennen würden. Giorgios erklärte, dass dies auf die nationalistische Bewegung zurückging, während derer die Farben der griechischen Flagge überall sichtbar sein mussten. Die ursprüngliche Farbe der Kykladen war ein leichtes Olivgrün, das heute wieder mehr und mehr verwendet wird. Man kann es an verschiedenen Ecken in Dryopida sehen – wenn man eine Ecke findet, denn die sind an den meisten Häusern abgeflacht, um den Eseln die Durchfahrt zu erleichtern.
Fast jedes Haus in Dryopida hat einen wunderschönen Garten und ein Spaziergang durch den Ort ist ein guter Test für die Sinne und das Wissen über Küchenkräuter: Basilikum, Zitronengras, Lorbeerblätter und Rosmarin findet man hier neben Oliven-, Granatapfel-, Zitronen- und Aprikosenbäumen, sowie auch Feigen, Mandeln und Kapern. Man muss es gesehen und gerochen haben, um es zu glauben!
Giorgios bietet außerdem Touren in Chora an, sowie über die Honigproduktion auf der Insel, Koch- und Keramiktouren in Kythnos. Buchen kann man auf experiencekythnos.gr oder man bittet Vangelis, einen Anruf zu tätigen, wenn man einen Segelkurs mit 7SeasSailing belegt.