Über die soziale Seite des Surfens
Oder: Warum man beim Surfen wieder Kind sein darf
In einem anderen Post erzählte Charlie davon, auf welche Weise Surfen wie Yoga ist. Hier geht es jetzt darum, wie man durchs Surfen wieder Kind sein darf. Es geht nicht darum, dass man im Wasser spielen darf und keine Sorgen den Alltag trüben, sondern um das Miteinander.
Allein reisen, nicht allein
Charlie reist immer allein. Sie entscheidet, wo es hingehen soll und womit sie ihre Zeit verbringt. Sie kommt allerdings meistens in Hostels oder Surfcamps unter. Auf einmal fühlt es sich gar nicht mehr nach Alleinereisen an.
Mehr als einmal schon kam Charlie in einem Surfcamp wie dem in Fuerteventura an und hatte sofort einen Teller voller Essen vom Grill in der Hand. Wenn nicht Essen, dann ein Bier. Und noch bevor man das Gepäck abgestellt hat, ist man von liebenswerten Menschen umgeben und teilt Geschichten aus dem Leben und den Wellen.

Einander kennenlernen
Die ersten Fragen, die aufkommen, drehen sich für gewöhnlich um Namen, geographische Herkunft und wie lange man schon surfte und wo. Für gewöhnlich ist da jemand, der eine Weile in Australien oder Indonesien gelebt hat. Für gewöhnlich ist da jemand, der noch gar keine Surferfahrung hat und durch Zufall im Surfcamp gelandet ist. Dann sind da Leute wie Charlie, die einfach immer reisen und dem Sommer hinterherjagen.
Für gewöhnlich ist da jemand, der nicht aufhören kann, über die großartigen Surfbedingungen des Tages zu reden. Für gewöhnlich ist da jemand, der bereits den Surf-Forecast für den nächsten Tag anschaut und einen Plan macht. Und für gewöhnlich ist da jemand, der viele Tattooes hat und zu jedem einzelnen eine Geschichte erzählen kann.
Für gewöhnlich ist da jemand, der immer das restliche Geschirr abwäscht, nachdem gemeinsam gekocht wurde. Für gewöhnlich ist da jemand, der am Lagerfeuer Gitarre spielt. Für gewöhnlich ist da ein Yogi, der früh aufsteht, um bei Sonnenaufgang zu trainieren. Und für gewöhnlich ist da jemand, der allen Geschichten aufmerksam zuhört.
Die Frage, womit man sich den Lebensunterhalt verdient, wird eigentlich erst am dritten Tag gestellt. Es spielt einfach keine Rolle.
Wie damals als Kinder
Es spielt wirklich keine Rolle. Alles, was zählt sind Surfen und die nächste Welle. Man ist sofort unter Freunden. Es dauert keinen Tag und es fühlt sich an, als hätte man sein ganzes Leben mit diesem Haufen liebenswerter Menschen verbracht. Niemand interessiert, was man beruflich macht, welche Hautfarbe man hat, welche Kleidung man trägt, wie alt man ist, unter welchen Bedingungen man aufgewachsen ist, wie viel Geld man verdient oder ähnliches. Es ist wieder wie damals als Kind: Man lernt sich auf dem Spielplatz kennen, mag die andere Person und spielt gemeinsam bis es Zeit ist, nach Hause zu gehen. Wahrscheinlich weiß man nicht einmal den Namen des anderen, aber es fühlte sich an, als hätte man den Tag mit der Familie verbracht.
Man fährt gemeinsam im Auto zum Strand, teilt sich ein Handtuch, jubelt im Wasser einander zu und entfernt Reste von Surfwachs von den Sitzen des Mietwagens. Man kocht gemeinsam, erinnert den Fahrer daran, dass seine Sonnenbrille noch auf dem Autodach liegt und schließt den Reißverschluss der anderen am Neoprenanzug. Dass man nur einen Tag zuvor noch Fremde war, ist nur noch eine entfernte Erinnerung.
Der einzige Unterschied zu den spontanen Treffen auf dem Spielplatz als Kinder ist, dass jemand schon früher abreisen könnte und nicht wieder zum Spielen an den gleichen Ort zurückkehrt. Wenn ihr Glück habt, habt ihr wenigstens Nummern ausgetauscht. Das erhöht eure Chances, noch einmal miteinander zu surfen – irgendwann in der Zukunft, irgendwo in der Welt, unter Freunden.
PS: Und falls jemand eine WhatsApp-Gruppe erstellt hat, wird man gelegentlich wieder an die gemeinsame Zeit erinnert. Irgendjemand erinnert sich immer und schickt ein paar Zeilen.