Surffilm: Andy Irons – Kissed by God (2018)
Es wird nie mehr so sein wie mit Andy
“You ever heard of being kissed by God? This is pretty much what it is. For those ten, three, two, one seconds, it’s like God came down and gave you a kiss. And then you just chase that the whole rest of your life, trying to get that first wave, or that first barrel, or that first turn. And you get it sometimes, but you always are gonna go back and try to do it better, and do it longer or do it higher, or go farther… And that’s why I’m so lucky to have surfing. Keeps me going in a normal state. It keeps my life on an even keel. Without it, it would just tip into oblivion. So, it’s just being kissed by God.”
(deutsch: Hast du schon einmal davon gehört, von den Göttern geküsst zu sein? Das ist so ziemlich, was es ist. Für zehn, drei, zwei, eine Sekunde ist es, als wäre Gott heruntergekommen, um dir einen Kuss zu geben. Danach sucht man das für den Rest seines Lebens, noch einmal diese erste Welle zu bekommen, oder das erste Barrel, die erste Drehung. Manchmal findet man es, aber du versuchst es immer wieder und besser, länger, höher, weiter… Deshalb bin ich so froh, dass ich Surfen habe. Es hält mich am Laufen und meine Leben im Gleichgewicht. Ohne das wäre ich einfach nur besinnungslos. Es ist einfach, von den Göttern geküsst zu sein.)
Dies sind die Worte von Andy Irons. Welch besseres Zitat hätten die Macher von „Andy Irons – Kissed by God“, Steve und Tedd Jones, wählen können, um diesen Film einzuleiten? Wenn ihr es jetzt lest, ohne die ganze Geschichte über Andy Irons zu kennen, sagt es euch vielleicht nicht viel. Charlie legt es euch aber nahe, diese Worte noch einmal zu lesen, nachdem ihr „Andy Irons – Kissed by God“ geschaut habt.
Man kann ziemlich viel in diese Zeilen interpretieren: Hochs und Tiefs, immer mehr zu wollen und tief zu fallen, surfen als eine Art Therapie – all diese Worte beschreiben auch das Leben von Andy Irons. Es sind bereits 10 Jahre vergangen, aber die Surfgemeinschaft trägt ihn noch immer im Herzen und wird nie vergessen, wie er zur Legende wurde. Als Charlie 2019 bei der Quiksilver Pro in Frankreich war – 9 Jahre nachdem Andy von uns gegangen war – sah sie Besucher in T-Shirts, auf denen stand „It’s not the same without Andy“ (Es ist nicht das Gleiche ohne Andy). Das hat etwas zu bedeuten. Wir werden ihn nie vergessen.
Rückblick
Der Film “Andy Irons – Kissed by God” beginnt mit Bruce Irons, Andys Bruder, der vor einer dunklen Wand sitzt und mit den Tränen kämpft während er über seinen älteren Bruder spricht. Er verschweigt nicht, dass die beiden einige Diskrepanzen hatten, spricht aber vor allem darüber, wie stolz er ist, einen Bruder wie Andy gehabt zu haben. Bruce nimmt den Zuschauer dann mit auf einen Ausflug zu dem Haus, in dem sie aufwuchsen, zeigt die einfachen Lebensumstände und die Welt, die sie als Kinder in Hawaii umgab. Ihre Mutter teilt Erinnerungen aus der Kindheit der Irons-Brüder und Freunde sprechen darüber, wie sie gemeinsam aufwuchsen.
Surfen als Zuflucht
Andy und Bruce begannen in Hawaii zu surfen als sie noch sehr jung waren und es half ihnen insbesondere als ihre Eltern sich scheiden ließen. Als sie den Film „Kelly Slater in Black and White“ sahen, wurde Surfen als Wettbewerbssport für sie interessant. Bruce hatte immer nur das Ziel, besser zu sein als Andy. Andy hingegen wollte schon früh besser sein als alle anderen. Mit nur 16 Jahren wurde Surfen für beide zum Beruf und im Alter von 17 hatten sie ein Einkommen von rund 120.000 im Jahr. Ende der 90er zogen sie von Kauai an die North Shore. Dort waren sie und die Freunde, die sie umgaben, bald unter den Namen „The Wolfpak“ bekannt. In “Andy Irons – Kissed by God” beschreibt Bruce diese Gruppe als deren Familie. Charlie erinnert das sehr an die Momentum Generation. Auch sie waren eine Familie aus Freunden, die durch das Surfen zusammengehalten wurde. Es ging in der Tat einfach nur darum zu surfen.
“Usually, once I get in the water and come back out, I feel a lot better, no matter what’s going on. It’s almost like therapy or something. You may have the worst day ever, go and have a good session and come in, everything seems all right. So to say surfing is a part of my life is way too small or minuscule.” (Andy Irons, Minute 37)
(deutsch: Für gewöhnlich, wenn ich ins Wasser gehe und wieder herauskomme, fühle ich mich viel besser, egal was vorher war. Es ist fast wie Therapie oder so. Man kann den schrecklichsten Tag haben, man geht für eine Runde ins Wasser und alles ist wieder in Ordnung. Zu behaupten, dass Surfen ein Teil meines Lebens sei, wird dem nicht gerecht.)
Ups and Downs
Es steckt eine Menge Wahrheit in diesen Worten: Surfen ist wie Therapie. Charlie hat es noch nie erlebt, dass jemand mit der gleichen schlechten Laune wie zuvor aus dem Meer kam. Der Film Undercurrents beschreibt die meditativen Effekte des Surfens auf eine nachvollziehbare Art und Weise. Für Andy Irons war es wahrscheinlich sogar etwas mehr. Bereits in jungen Jahren gab es deutliche Anzeichen für ungewöhnliche Stimmungsschwankungen. Im Film „Andy Irons – Kissed by God“ spricht ein Freund aus der Kindheit über psychologische Schwierigkeiten, die Andy in der Schule hatte. Seine Lehrer und Eltern sprechen über eine Lese- und Rechtschreibschwäche, die ihm viele Jahre zu schaffen machte. Immer war es das Meer, das ihn wieder ins Gleichgewicht brachte.
Die Beschreibungen einer bipolaren Störung werden von Experten wie Dr. Andrew Nierenberg und Dr. Mark Vonnegut im Film genauer analysiert. Sie sprechen über Symptome, Behandlungen und das Leben mit einer psychischen Störung. Es wird im Film nicht verschwiegen, dass Andy Irons unter einer bipolaren Störung litt.
Der Weg zum tiefen Fall
Bereits in der Kindheit gab es Anzeichen für eine Störung und Surfen war immer eine Zuflucht; bis es zum Wettbewerb wurde. Im ersten Jahr bei der ASP Weltmeisterschaft (heute: WSL Championship Tour) ging es nach Australien. Als Andy plötzlich mit schwarzen Haaren und unter starkem Drogeneinfluss zurückkam, wurde seinen Freunden bewusst, dass die Stimmungsschwankungen wohl etwas mehr zu bedeuten hatten. Es war der Anfang eines schlimmen Endes.
“I didn’t see a good future coming, you know? With all this shit going on in his head and mind. I really didn’t think my brother is ever gonna come back to normal from how insane he was. But the ocean, I think, had a big part in balancing out his chemical imbalance.” (Bruce Irons, Minute 36)
(deutsch: Ich habe nichts Gutes für die Zukunft gesehen, weißt du? Mit all der Scheiße in seinem Kopf und seinen Gedanken. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass mein Bruder jemals wieder normal sein würde, so verrückt war er. Aber ich glaube, das Meer spielte eine wichtige Rolle beim chemischen Ausgleich.)
Wieder einmal waren es Surfen und die beruhigende Wirkung des Meeres, die ihn zurückbrachten. Aber es sollte nicht lange anhalten. Auf einer Indonesien-Reise zu seinem 21. Geburtstag kostete ihn das Morphium fast das Leben. Es war Nathan Fletcher, der Big-Wave-Surfer, der im Film Heavy Water zu sehen ist, der ihm das Leben rettete.
An der Spitze sein und ganz unten ankommen
Sein ganzes Leben über war Andy Irons bestrebt, der beste Surfer zu sein. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten gewann er den ASP Weltmeistertitel in den Jahren 2002, 2003 und 2004. Er war auf dem Höhepunkt seiner Karriere und hatte gerade seine spätere Frau Lyndie kennengelernt, die mit ihm auf Tour ging. Es schien, als könne ihn nichts aufhalten. Zugleich war es der Anfang der Rivalität zwischen ihm und Kelly Slater, die im Film A Fly in the Champagne dargestellt wird. Als Kelly 2005 den Titel holte, waren die guten Jahre vorüber und ein tiefer Fall begann. Andy verlor das Interesse am Surfen. Nach einer ungerechten Entscheidung für einen 9.5-Ritt von Kelly verlor Andy das Vertrauen in die Schiedsrichter und das gesamte System. Ohne Surfen wurden die Drogen zum Zufluchtsort.
Lyndie Irons beschreibt diese Phase im Film “Andy Irons – Kissed by God”: Er war verzweifelt, nicht erklären zu können, was ihn seinem Kopf vorging, ihre Angst, ihn zu verlieren und die Drogensucht. Sein Bruder Bruce erinnert sich an eine Unterhaltung mit Andy über den Tod und dass er keine Angst davor hatte.
Ein Ausweg in Sicht?
Andys Sponsor, Billabong, verordnete ihm schließlich den Entzug und für fast ein Jahr hatte er wieder ein normales Leben. Im Film sieht man Lyndie Irons lächelnd als sie über diese Zeit spricht. Sie heirateten und gingen nach Australien, wo Andy wieder der Alte und Lyndie schwanger wurde. Mick Fanning beschreibt dies kurz mit den Worten: „Liebe überwand alles.“ Die Aufnahmen, die in „Andy Irons – Kissed by God” zu sehen sind stehen für positive Gefühle und pures Glück.
Er entdeckte sogar seine Liebe zum Surfen wieder und trat wieder in den Wettbewerb. Er besiegte Kelly Slater 2010 in Tahiti. Kelly spricht im Film über diese Zeit. Wenn ihr euch „Andy Irons – Kissed by God” anschaut, solltet ihr euch auf ein paar emotionale Momente vorbereiten.
Auf einer Mexiko-Reise jedoch begann das Glück zu zerfallen. Die Drogen hielten wieder Einzug in Andys Leben. Zur gleichen Zeit beklagte Andy sich über Schmerzen in der Brust und er sollte einen Spezialisten konsultieren, sobald er es Puerto Rico zurück sein würde. Dort war er für einen Wettbewerb, den er am Ende nicht surfte. Bevor er ins Wasser ging, trat er die Rückreise an. Er hatte einen Zwischenstopp in Miami und verließ diese Welt einsam in einem Hotelzimmer in Dallas. Herzinfarkt.
Es wird nie mehr so sein wie mit Andy
Zur Zeit der Erstellung dieses Artikels waren es bereits 10 Jahre seitdem Andy von uns gegangen war, aber die Surfgemeinschaft trägt ihn bis zu diesem Tage im Herzen. Er wird nie in Vergessenheit geraten.
Bruce Irons ist weiterhin als professioneller Free Surfer aktiv, Lyndie Irons lebt mit ihrem und Andys Sohn Axel auf Hawaii. Sie leitet die Andy Irons Foundation, die junge Menschen unterstützt, die unter psychischen Störungen, Lernschwierigkeiten oder Abhängigkeit leiden.
Der Film “Andy Irons – Kissed by God” ist schon allein durch die prominente Besetzung einen Filmabend wert. Profi-Surfer wie Kelly Slater, Shane Dorian, Mick Fanning, Sunny Garcia, Nathan Fletcher, Joel Parkinson, Cory Lopez und kommen im Film zu Wort. Zusätzlich finden sich Konversationen über bipolare Störung und Drogenmissbrauch, die von Experten angeleitet sind. Durch Beschreibungen des Lebens auf Tour, dem Wettbewerbssurfen, Drogen und Partys kommt auch die emotionale Seite nicht zu kurz. Hervorgehoben werden die Werte der Surfgemeinschaft wie Liebe, Leidenschaft, Mitgefühl, Gemeinschaft und Freundschaft. Es ist so viel mehr als nur eine Biographie eines der besten Surfer aller Zeiten.
Der Film “Andy Irons – Kissed by God” ist auf Amazon Prime verfügbar und im Monatspaket enthalten sowie als Einzelabruf für 9.99€ oder zum Leihen für 4.99€.