The Yin and Yang of Gerry Lopez (2022)
Filmpremiere beim London Surf Film Festival 2022
Nach einer langen, Pandemie-bedingten Pause war das London Surf Film Festival 2022 endlich wieder zurück im Genesis Cinema und mit den ganz Großen: Gezeigt wurde eine Doku über die Surf-Legende Gerry Lopez und es gab einen Workshop mit Regisseur Stacy Peralta. Ja, ihr habt richtig gelesen. Die Premiere in England führte Peralta zurück nach London und es gab eine Gelegenheit, ihn zu treffen. Charlie zählte zu den Glücklichen, die ein Ticket ergattern konnten.
Drop-ins und Schlangen-Manöver
Die erste Szene in The Yin and Yang of Gerry Lopez beginnt mit einer Entschuldigung des Hawaiianers für alle Wellen, die er anderen gestohlen hat. Er gibt zu, dass er nie ein so guter Surfer geworden wäre, wenn er nicht Wellen gestohlen hätte. Die Art und Weise, mit der er redet, ist ehrlich und glaubwürdig. Es gibt den Ton für den weiteren Verlauf des Films an.
Er wurde auf Hawaii geboren und wuchs dort auf. Lopez kam aus einer Familie begeisterter Schwimmer und lernte, sich im Wasser zu bewegen, bevor er laufen konnte. Er beschreibt mit viel Gefühl, wie seine Mama ihn in seine erste Welle schob, und wie sich dieser entscheidende Moment in seinem Leben anfühlte. Man braucht gar nicht versuchen, es hier zu erklären, denn nur ein Surfer würde es verstehen.
Yin & Yang
Wann immer Gerry im Film zu Wort kommt, sitzt er in einem perfekten Lotus-Sitz. Peralta wählte den Titel bewusst aus, da Yoga eine wichtige Rolle in Gerry Lopez‘ Leben spielte und noch immer spielt. Im Film wird gezeigt, wie er Yoga für sich entdeckte, das erste Buch, das er darüber las und wie es seinen weiteren Weg beeinflusste. Yin und Yang stehen für ihn als Synonym dafür, dass das Leben nicht immer geradlinig verläuft.
Stacy Peralta sagte während des Workshops etwas ähnliches: “Life is like a wave; we get picked up on it. We’re learning to ride it as we go and there are many ups and downs. It’s never too late to start anything because you’re still riding that wave.” (dt. Das Leben ist wie eine Welle; wir werden davon getragen. Wir lernen, damit umzugehen und es gibt viele Hochs und Tiefs. Es ist nie zu spät, etwas Neues im Leben anzufangen, denn wir werden noch immer von der Welle getragen.)
Tatsächlich sieht das Yin-Yang-Symbol, wenn man es auf die Seite dreht, wie eine Welle aus. Oder?
Auf der Welle zum Erfolg
Die Wellen und die Umstände der Zeit führten Gerry Lopez auf seinen Weg. Gegen Ende der 1960er wurden Surfboards immer kürzer, von 10 Fuß auf 7 Fuß. Der junge Gerry hatte nicht die finanziellen Mittel, sich ein neues Board zu kaufen und beschloss, ein Longboard zu kürzen. Er liebte dieses Board und es war der Beginn seiner Karriere als Boardshaper. Außerdem machte es ihn zum Mr. Pipeline. Endlich hatte er das Board gefunden, mit dem er diese Welle meistern konnte.
In der Doku The Yin and Yang of Gerry Lopez beschreiben mehrere Weggefährten den Verlauf von Gerrys Leben, darunter Surfchampions wie Shaun Tomson und Tom Carroll, Gerrys Schwester Lola und sein Bruder Victor, sowie verschiedene Filmproduzenten und Verleger aus der Welt des Surfens.
Jack Shipley, der gemeinsam mit Gerry Lightning Bolt Surfboards zu Beginn der 1970er gegründet hatte, spricht über diesen Teil der Geschichte. Von Anfang an waren sie auf dem Weg des Erfolgs, wozu der Film Five Summer Stories eindeutig beitrug. Peralta erzählt diese Geschichte im Film und bringt das Publikum im Genesis Cinema zum Lachen beim Anblick einiger Mode-Schöpfungen von Lightning Bolt.
Treffen mit Stacy Peralta
Fans von Dogtown and Z-Boys oder jeglichem anderen Skate-oder Surffilm hatten an diesem Tag im Genesis Cinema die Gelegenheit, Stacy Peralta kennenzulernen. Das Meet & Greet fand am Nachmittag in einem kleinen Kinosaal statt. Ungefähr 30 Gäste konnten Fragen stellen und dem großartigen Erzähler Stacy Peralta zuhören.

Er sprach über seine ersten Erfahrungen als Regisseur und einige schlecht umgesetzte Filme, in denen er zu Beginn seiner Karriere mitspielte. Der Verlauf seiner Karriere war dem Zufall geschuldet. Er teilte mit dem Publikum, wie schlechte er in der Schule war und dass er niemals freiwillig ein Buch gelesen hätte. Jeder im Raum fand das schwer zu glauben. Wie kann man ein so großartiger Geschichtenerzähler werden, ohne selbst zu lesen? Stacy löste dieses Rätsel auf als er erzählte, wie er schließlich doch zum Lesen fand und sagte, dass er nie erwartet hätte, ein erfolgreiches Leben zu führen.
Das Yin und Yang des Stacy Peralta
Wenn man ihm an diesem Tag zuhörte, musste man sich unweigerlich eine bestimmte Frage stellen. Eine Person im Publikum fragte Peralta ganz direkt, wie er es geschafft hat, so bescheiden zu bleiben. Er zeigt sich durchaus dankbar und spricht darüber, wie man im Leben das Glück haben muss, zur rechten Zeit, am rechten Ort zu sein. Er erinnert sich an die Anfangszeit des Skateboardens. Scheinbar war Kalifornien in den 70ern der einzige Ort weltweit, wo Pools genau die richtige Form zum Skateboarden hatten. Peralta spricht darüber, dass man Talent haben kann, es aber auch nutzen muss. Er ist zudem froh, dass er bereits 16 war, als die Z-Boys berühmt wurden. Er war nur ein paar Jahre älter als andere in der Gruppe, aber es machte den entscheidenden Unterschied, um nicht zu vergessen, dass es vorrangig um Spaß ging, nicht um Geld.
Als er beginnt, über Selbstzweifel zu reden, über Fehlschläge und Meditation als Lösung, erscheint es, als seien seine Worte direkt aus den Interviews mit Gerry Lopez im Film. Wer könnte hier wen beeinflusst haben?
Erinnerungen an den größten Erfolg
Jeder, der an diesem Tag im Genesis Cinema war, wollte eine Doku über einen der besten Surfer sehen, aber der Erfolg von Peralta entsprang seiner Karriere als Profi-Skateboarder in den 1970ern und dem Film Dogtown and Z-Boys von 2001. Natürlich hatte das Publikum auch Fragen dazu!
Eine Frage zielte auf eine Verfolgungsjagd mit der Polizei ab und er erinnerte sich daran, über einen Zaun geklettert zu sein und plötzlich regnete es Skateboards. Jeder hatte sein Board über den Zaun geworfen, bevor sie kletterten. Das wäre sicher ein tolles Foto gewesen!
Peralta ist über 60, aber er zeigt an diesem Tag in London, dass man nie zu alt ist, zum Skateboard zu greifen und das, ohne die Hände zu benutzen und in einem Kinosaal. Er glitt zudem in einer Art Moonwalk durch den Saal, um zu zeigen, wie kompliziert es sein kann, Skateboard-Filme zu drehen.
“The great thing about skateboarding, be it in the Olympics or not, is that it is always going to be illegal somewhere. Those signs “no skateboarding” are an invitation.” (Stacy Peralta, July 2022 in London)
(deutsch: Das beste am Skateboarden ist, sei es ein Olympischer Sport oder nicht, ist, dass es immer irgendwo illegal ist. Diese Schilder „Skateboarden verboten“ sind eine Einladung.“ Stacy Peralta, Juli 2022 in London)
Er erinnert sich auch daran, wie er einige Jahre zuvor ein paar Jugendliche beeindruckte, die nicht erwartet hätten, dass jemand in seinem Alter skateboarden konnte, bis er ihnen zeigte, wozu er fähig war. Da hatten sie ihn erkannt als die Legende, die er für Skater überall in der Welt ist.
Vorbereitungen für einen Film über Gerry Lopez
Peralta erklärte an diesem Nachmittag auch, wie er an den Film mit Gerry heranging. Beide kannten sich bereits und als Patagonia Gerry auf das Filmprojekt ansprach, was für ihn klar, dass es nur einen Regisseur gäbe, mit dem er arbeiten würde.
Peralta berichtete dem Publikum, wie er monatelang Archive durchstöberte und Fragen für die Interviews aufschrieb. Er spricht über die vielen einzigartigen Kapitel in Gerrys Leben und wie man diese parallel zur Geschichte des Surfens erzählen konnte.
Was die Musik angeht, spricht Peralta über lange Autofahrten, die er nutzte, um verschiedene Klänge zu hören. Er erinnert sich genau an den Moment als er das Lied fand, das perfekt auf die Szenen zu Gerrys Zeit in Indonesien passte.
Gerrys G-Land: Unberührtes Indonesien
Zurück vor der Kamera und wieder im bekannten Lotus-Sitz spricht Gerry Lopez über Bali im Jahr 1974. Er erinnert sich daran, wie sie sich auf dem Weg zum Surfspot verlaufen haben, wie sie ein Boot nach G-Land nahmen und eine Welle entdeckten, die nie zu enden schien. Die Bilder, die über die Leinwand flimmern, unterstreichen seine Worte: Es war tatsächlich eine Welle, die nicht endete. Hauptsächlich aber war es leer, keine Menschenseele, nichts im Vergleich zum Bali des 21. Jahrhunderts.
Was das Publikum im Zusammenhang mit Bali erwartete und was im Film nicht gezeigt wird, ist die dunkle Seite des Surfens in Indonesien in den 1970ern. Drogen und Psychedelika werden in der Doku erwähnt, aber es bleibt vieles offen.

Ein Anruf aus Hollywood
Die Zeit in Bali war nötig, um über das traurige Ende von Lightning Bolt hinwegzukommen, aber es war nicht das Ende der Gerry-Lopez-Erfolgsstory. Er erklärt in The Yin and Yang of Gerry Lopez, wie unrealistisch es ihm vorkam, einen Anruf von John Milius zu bekommen. Als nächstes sah man Gerry Lopez auf der Leinwand in Tag der Entscheidung (1978), Conan der Barbar (1982) und Farewell to the King (1989). Peralta band einige Szenen in den Dokumentarfilm ein. Gelächter füllte an diesem Abend in London den Kinosaal.
Die Hollywood Hills sind nicht weit von den Surfspots in L.A. entfernt, aber Maui rief Mr. Pipeline zurück:
“I like Maui. I don’t wanna be an actor.” (Gerry Lopez in The Yin and Yang of Gerry Lopez)
(deutsch: „Ich mag Maui. Ich will kein Schauspieler sein.” Gerry Lopez in The Yin and Yang of Gerry Lopez)
Familiengründung
Nachdem die Zeit in Hollywood vorüber war, wartete bereits das nächste Abenteuer auf Gerry Lopez. Er traf eine junge Frau, die auf keinen Fall wieder einen Surfer als Freund wollte. Dem Hawaiianer aber konnte sie nicht widerstehen. Toni Lopez erzählt ihre und Gerrys Geschichte in der Doku. Sie heirateten 1987 und Sohn Alex kam 1989.
Ein weiterer Sport bestimmte in den 1990ern ihr Leben: Snowboarden. Lopez beschreibt es als gefrorene Wellen. Die Familie zog nach Oregon um.
Gegen Ende des Dokumentarfilms wird gezeigt, dass sie doch nach Hawaii zurückkehrten und Gerrys Sohn Alex in seine Fußstapfen als Surfer und Shaper trat. So schließt sich der Kreis. Gerry Lopez surft weiterhin und unterrichtet Yoga. Er ist über 70 und genießt das Leben in vollen Zügen. Es ist wie Stacy Peralta sagte: “Gerry doesn’t look back. He only thinks about the future.” (deutsch: Gerry schaut nicht zurück. Er denkt nur an die Zukunft.)
Auf der Welle immer weiter
Peralta erwähnte im Meet & Greet im Genesis Cinema in London, dass die Schlussszene seine Lieblingsszene ist. Gerry Lopez lernt Foil-Surfen. Die Macher des Films bekamen einen tiefen Einblick und erkannten, dass es auch jemandem wie Gerry Lopez nicht leicht fällt. Er musste sich jüngere Freunde suchen, die ihn auf diesen Abenteuern begleiten, aber das hält ihn nicht auf. Er genießt die Freiheit, „sich zum Affen zu machen“ und an etwas Neuem zu scheitern. Der Film endet mit Gerry, wie er eine stehende Flusswelle surft. Peralta kommentiert:
“Nobody from his generation would surf 1ft river waves. But he’s enjoying every aspect of surfing.”
(deutsch: „Niemand aus seiner Generation würde 30cm-Flusswellen surfen. Aber er genießt einfach jede Form des Surfens“)
Ein Zuschauer fragte Peralta an diesem Tag, wofür er sich entscheiden würde, wenn er müsste: Surfen oder Skateboarden. Er zögerte. Es gab eine lange Pause. Schließlich entschied er sich fürs Wasser, nicht den Asphalt. Er beschrieb das Gefühl, wenn man von Wasser getragen wird, was uns zur Anfangsszene des Films zurückbringt, als Gerry Lopez über seine erste Welle sprach. Stacy Peralta gab zu, dass er die aktuellen Geschehnisse im Profi-Surfen und -Skateboarden nicht verfolgt, ist aber überzeugt, dass der Gerry Lopez der Zukunft wahrscheinlich aus einem Wavepool oder einer Flusswelle kommt. Wir werden sehen.