Karneval in Rio
Hinter den Kulissen des größten Karnevals der Welt
Charlie hatte die Daten für ihren Aufenthalt in Rio de Janeiro bewusst gewählt. Sie wollte den Karneval in Rio sehen und das auf sichere Art und Weise. Sie buchte einen Portugiesischkurs in einer Sprachschule für Ausländer, denn sie wusste, dass diese Sprachschulen immer auch ein Aktivitätenprogramm anboten. Sie hoffte, dass dieses Programm auch den Karneval beinhaltete. Charlie wollte den Karneval nur sehen und am Ende war sie sogar selbst mittendrin.
Der Karneval findet in verschiedenen Formen statt. Es gibt freizugängliche Veranstaltungen in den Straßen sowie auch den Umzug der Sambaschulen im Sambódromo Marquês de Sapucaí, für den man ein Ticket braucht.
Straßenkarneval: Blocos de rua
Die freizugänglichen Partys, die sogenannten blocos, beginnen bereits zwei Wochen vor dem eigentlichen Karnevalswochenende. Sie werden von offizieller Seite organisiert und finden in verschiedenen Stadtteilen statt. Dazu gehört meistens eine Art Bühne, oft auf einem Truck, und eine offizielle Show. Einige der Sänger, die dort auftreten, sind sogar international bekannt. Die Blocos finden zu jeder Tag- und Nachtzeit statt und sind auch nicht alle gleich groß. Die größten sind fast schon zu groß und zu überlaufen. Sogar die Einheimischen empfehlen die kleineren Blocos, weil man da einfach mehr Spaß hat. Es ist natürlich eine persönliche Entscheidung. Sie beginnen um 6 Uhr morgens und finden den ganzen Tag über statt bis zum nächsten Morgen. Den gesamten Zeitplan findet man auf blocosderua.com und man braucht kein Ticket. Für gewöhnlich werden auch Getränke verkauft und es sind auch Toiletten da.
Wenn man um die Mittagszeit zu einem Bloco geht, sollte man einen Hut und viel Sonnencreme mitbringen. Schattige Stellen sind schwer zu finden und es wird sehr heiß. Man kann vor Ort auch Wasser zu einem normalen Preis kaufen. Bei 35 Grad Celsius sollte man auf jeden Fall viel trinken!

Man muss sich leider auch vor Taschendieben in Acht nehmen und sollte alle Wertsachen am Körper tragen. Charlie hatte ihr Handy immer in einer Bauchtasche, die sie auch vorne trug. Wenn sie ihr Handy herausholen wollte, um Fotos zu machen, dann nur mit einem Band am Körper befestigt. Wenn das Handy gut sichtbar aus der Hosentasche ragt, ist es sehr leicht für Diebe. Das Handy wird dann schnell weitergereicht. Ehe man sich versieht, ist es verschwunden.
Leider muss man auch als Frau achtsam bleiben und sollte die größeren Blocos nachts vermeiden, denn die Männer grabschen gerne mal. Die kleineren Blocos am Tag sind eine bessere Option. Charlie sah überall in der Stadt Anzeigetafeln, die darauf hinweisen, dass bestimmte Dinge nur mit Einverständnis passieren sollten.
Als Besucher beim Umzug im Sambodrom in Rio
Der Karnevalsumzug, den man aus dem Fernsehen kennt, findet im Sambódromo Marquês de Sapucaí statt. Wenn man ihn sich anschauen möchte, sollte man so früh wie möglich ein Ticket kaufen, da sie ansonsten ausverkauft sein könnten und auch die Preise steigen. Tickets kann man von verschiedenen Stellen online kaufen und die sind auch nicht teuer. (Angebote für ein paar Hundert Euro sind für gewöhnlich organisierte Touren mit Abholung am Hotel. Das möchte man vielleicht aus Sicherheitsgründen machen. Die normalen Tickets sind aber wesentlich günstiger.) Der Umzug beginnt gegen 21 Uhr und dauert bis ungefähr 4 Uhr morgens. Mit dem Ticket kann man jederzeit kommen und gehen. Aus Sicherheitsgründen sollte man in einer Gruppe gehen. Zum Sambodrome kommt man mit der Metro. Von der Haltestelle Central sind es nur wenige Minuten zu Fuß. Es gibt auch andere Metrostationen in der Nähe. Für welche Haltestelle man sich entscheidet, hängt auch davon ab, wo man im Sambodrom sitzt.
Wie der Umzug im Sambodrom abläuft
Die Umzugsteilnehmer sind die Sambaschulen. Es ist ein Wettbewerb: Der Gewinner darf im darauffolgenden Jahr als erstes einlaufen. Die letzte Gruppe läuft um 3 Uhr morgens ein. Das ist ein guter Grund, beim Wettbewerb gut abzuschneiden.
Es gelten strenge Regeln. Zum Beispiel muss jeder im Umzug singen, tanzen und lächeln. Zudem muss man in geordneten Reihen laufen. Wenn nicht, verliert man Punkte bei der Jury. Jede Sambaschule wählt ein Thema und ein Lied, das dargeboten wird. Alle Teilnehmer müssen den Text können und mitsingen.
Es gibt verschiedene Gruppen, die sogenannten alas (Flügel), die in einer vorgegebenen Reihenfolge laufen. Nicht alle von ihnen sind Sambatänzer und die Kostüme bestehen aus wesentliche mehr Stoff als man das aus dem Fernsehen vielleicht kennt. Zwischen den verschiedenen Gruppen tanzen die sogenannten passistas, professionelle Sambatänzer. Das Paar, das direkt vor Charlies Gruppe lief, trug sehr viele Federn und einen riesigen Rock. Wieder einmal war es viel mehr Stoff als man vom Karneval in Rio erwarten würde. Charlie hätte nur zu gern ein Foto gemacht. Aber, wenn man selbst im Umzug mitläuft, ist das nicht erlaubt. Am Ende waren sie alle zu schnell weg, um ein Bild zu machen.
Ein Kriterium ist es auch, wie lange die gesamte Sambaschule braucht, um durch den Sambodrom zu laufen. Es müssen mindestens 1 Stunde und 5 Minuten sein, aber nicht mehr als 1 Stunde und 15 Minuten. Man sieht die Zeit auf Bildschirmen im Sambodrom. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass eine Menge Organisation in diesen Umzug gesteckt wird. Die Sambaschulen beginnen ein Jahr zuvor mit den Vorbereitungen für den großen Tag.
Selbst im Umzug im Sambodrom in Rio mitlaufen
Als Charlie ihren Sprachaufenthalt in Rio buchte, stellte sie sich vor, wie sie mit einer Gruppe an Sprachschülern gemeinsam zum Sambodrom geht und sich den Umzug ansieht. Am Ende war sie selbst gemeinsam mit anderen Sprachschülern als Teilnehmerin in einem Kostüm im Umzug im Sambodrom. Sie liefen mit der Sambaschule Arranco aus einem Viertel im Norden von Rio namens Engenho de Dentro. Es ist eine arme Gegend und die Einwohner praktizieren die afrikanisch-brasilianische Religion Candomblé.
Das Thema für 2025 war “Maes que alimentam o sagrado” (Die Mütter, die das Geheiligte Nähren). Das Lied, das ausgewählt worden war, segnet die Rolle der Frau im Candomblé, wo Zeremonien von Priesterinnen durchgeführt werden.
Charlie sah nur ein paar wenige andere Gruppen. Da war zum Beispiel eine, die Schilder hochhielt, auf denen es um Frauenrechte ging. Die Gruppe vor Charlies Gruppe war mit Früchten und Gewürzen geschmückt. Das Kostüm, das Charlie und die anderen von der Sprachschule trugen, hatte Nahrungsmittel mit hohem Zuckergehalt zum Thema. Es sah aus wie ein Skelett in einem Haufen alter Getränkedosen.
Vorbereitungen für den Umzug in Rio
Sie trafen sich alle um 16 Uhr an der Sprachschule und fuhren gemeinsam mit der Metro zum Sambodrom. In einer Seitenstraße trafen sie auf andere Gruppen der gleichen Sambaschule. Ein Laster mit den Kostümen war bereits dort. Jeder bekam sein Kostüm in einer großen Plastiktüte. Die verbleibende Zeit war für die Maske vorgesehen. Allerdings entschieden sie sich wegen der Temperaturen gegen Make-Up. Das war auch kein Kriterium der Jury. Wichtig war nur, dass alle einheitlich aussahen.


Sie warteten noch eine Weile an der Straßenecke und sahen ein paar andere Gruppen in ihren Kostümen vorbeiziehen. Später liefen sie zu der Stelle, wo der Umzug losging. Dort zogen sie die Kostüme an. Charlie hatte drei Liter Wasser und ein Sandwich dabei. Das wäre nicht nötig gewesen, da es dort ziemlich viele Imbissstände gab. Auch Toiletten waren da. Planmäßig sollten sie um 22 Uhr einlaufen, aber die erste Gruppe hat einen Zwischenfall, zudem die Feuerwehr gerufen werden musste, und das führte zu Verspätungen. Um 23 Uhr liefen sie dann in den Sambodrom ein. Charlie taten vom Herumstehen bereits die Füße weh, obwohl sie jede Gelegenheit genutzt hatte, sich zu setzen.
Es ist kein Spaziergang
Kurz bevor es losging, wies die chefe de ala jeden Teilnehmer auf seinen Platz und ermahnte alle, Position zu halten. Charlie lief in der ersten Reihe der Gruppe und musste besonders darauf achten, dass alle in Reihe liefen. Die Chefs und Direktoren der Sambaschule liefen während des Umzugs nebenher und zeigten an, wenn man anhalten oder weiterlaufen sollte. Zudem erinnerten sie auch immer wieder daran, dass man mitsingen musste.
Charlie war es nicht leichtgefallen, sich den Text einzuprägen, da sie mit den Samba-Rhythmen nicht vertraut war und zudem viele Worte aus einer afrikanischen Religion stammten, die in Brasilien weitverbreitet ist, Orixá. (Die gesamte Sambatradition geht darauf zurück.) Um das Lied zu lernen, hatte sich die Gruppe am Tag zuvor in der Sprachschule getroffen und gemeinsam geübt. Auf dem Ausdruck, den Charlie bekommen hatte, waren auch die Orixá-Worte erklärt. Drei Wochen vor dem Umzug hatte es eine Probe gegeben. Das war allerdings bevor Charlie in Rio war. Das hätte bestimmt auch geholfen.

Es war eine wunderbare Erfahrung und Charlie war sehr froh darüber, die Gelegenheit gehabt zu haben, beim Karneval in Rio hinter die Kulissen zu schauen. Es war anstrengend und ihre Füße taten auch am Tag darauf noch weh. Beim nächsten Mal schaut sie sich das Ganze von einem Sitzplatz aus an.
Karneval in Rio aus der Publikumsperspektive
Charlie kehrte im Jahr darauf wieder nach Rio zurück. Dieses Mal blieb sie etwas länger und war auch etwas besser vorbereitet. Sie sicherte sich ein Ticket für den Sambódromo. Dieses Mal würde sie sich das Spektakel von einem gemütlichen Sitzplatz in der zweiten Reihe aus ansehen.
Am besten kauft man Tickets auf Ticketmaster, allerdings braucht man dafür eine CPF. Charlie kaufte ihr Ticket von einer anderen Privatperson über Viagogo. Es war ein Armband, das fast nicht rechtzeitig angekommen wäre, denn es musste per Post versendet werden. Es kam erst einen Tag vor der Veranstaltung an. Sie hielt das Armband in ihren Händen! Für andere Abschnitte im Sambódromo bekommt man die Tickets über eine App aufs Handy. Charlie wollte aber Sitze mit dem besten Blick auf die Parade, um Fotos zu machen.
Sie hatte bewusst den gleichen Abend ausgewählt, an dem auch die Sprachschule an der Parade teilnehmen würde, um zu sehen, was dieses Jahr das Kostüm war. Sie war sich nicht sicher, wann sie am besten dort sein sollte. Auf dem Ticket stand “20 Uhr” und der Umzug würde um 21 Uhr beginnen. Sie wusste nicht, ob sie am Eingang würde Schlange stehen müssen. Sie war überrascht, dass es nicht so war und sie direkt hineingehen konnte. Es war gut, dass sie im Jahr zuvor bereits dort war, denn sie konnte sich noch an den Weg erinnern. Sie nahm die Metro bis Central und lief von dort aus für ungefähr 10 Minuten zwischen Imbissständen und Straßenverkäufern lang.
Im Sambódromo war es noch ganz leer. Die meisten Zuschauer kamen erst gegen 22 Uhr und um Mitternacht war es sehr voll. Charlie war froh darüber, zeitig dagewesen zu sein, denn mit kleinem Publikum konnte sie viel besser Fotos machen.
Es fühlte sich wie eine riesige Party mit Millionen von Gästen an, aber in sicherem Rahmen. Und, ob ihr es glaubt oder nicht, sogar das Reinigungsteam zog in Reih und Glied durch den Sambódromo und befolgte eine Choreografie.