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Es geht nicht um die Welle, sondern ums Gefühl

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Interview mit Surflehrerin Kim “Kiwi” Wieland

Kim “Kiwi” Wieland begann als Studentin zu surfen und machte diese Leidenschaft zum Beruf. Mit Milo Castelo als Mentor wurde sie Surflehrerin und hat seitdem Surfer jeden Alters ausgebildet an Orten wie den Kanarischen Inseln und Portugal. Kiwi lebt derzeit in Conil de la Frontera, wo Charlie sie während ihres Surftrips in Andalusien traf.

Wann hast du mit dem Surfen angefangen und wie hast du es gelernt?

Ich dachte nie, dass so etwas existiert. Ich wurde in Alicante geboren. In Alicante gibt es keine Wellen. Zuerst probierte ich es mit Freunden aus als ich 14 war. Wir fragten einige der coolen Leute, wie das geht und wir sollten einfach „mit den Longboards ins Wasser gehen, herauspaddeln, die Welle nehmen und aufstehen.“ Ich schluckte an jenem Tag viel Wasser…

Meine Neugier wurde geweckt als ich 18 war und in Valencia studierte. Ich besorgte mir ein billiges 8-ft-Brett und schlich mich aus den Vorlesungen, um zu surfen oder ich kam zu spät. Die anderen wussten, dass ich surfen war, weil mein Gesicht noch ganz blau war vom Sonnenschutz. Ich war nur am Surfen. Nach drei Wochen kaufte ich mir ein Shortboard und verkaufte das andere.

Hast du deinen Abschluss fertig gemacht?

Ja. Ich habe meine Ausbildung abgeschlossen [lacht]. Ich begann mit Maschinenbau, dann Produktdesign, aber das lag mir nicht. Am Ende wurde ich Innenarchitektin und Schreinerin. Das ist für Surfcamps nützlich.

Hattest du jemals Surfstunden?

Nein, ich hatte nie Surfstunden. Milo Castelo hat mit mir trainiert, aber das waren keine Surfstunden. Ich wurde eher von den Leuten um mich herum mitgezogen. Ich war jeden Tag mit Profi-Surfern im Wasser und beobachtete sie. Das hat mich angespornt. In drei Monaten habe ich gelernt, was andere in zwei Jahren lernen, weil ich jeden Tag im Wasser war. Ich war völlig mitgerissen. Es gab nichts anderes für mich.

Was weckte deine Liebe zum Surfen?

Surfen ist der schwerste Sport, den man sich aussuchen kann, denn man ist von äußeren Umständen abhängig. Als ich jünger war nahm ich an Reit-Wettbewerben in Spanien teil. Wettbewerb war normal für mich. Beim Surfen aber ist man draußen, hält nach Wellen Ausschau, analysiert und man spielt mit der Gefahr. Es kann sein, dass es keine Wellen gibt, oder es kann ein Tsunami sein. Man muss in jeder Sekunde achtsam sein oder es wird gefährlich und dann setzt man uns alle der Gefahr aus. Man muss lernen, mit Energie zu tanzen und das ist manchmal sehr schwer. Auch heute noch.

Wann hast du entschieden, eine Karriere daraus zu machen?

Ich habe mit Milo Castelo in Galizien trainiert und war jeden Tag von 8 Uhr morgens bis es nachts um 11 dunkel wurde im Wasser. Ich übte auch mit seiner kleinen Tochter, die 4 Jahre alt war. Milo brachte mich dazu, Surflehrerin zu werden. Ich liebe es zu unterrichten, denn es kommt von Herzen.

War es schwierig als Frau daraus eine Karriere zu machen?

Für Frauen ist es eine völlig andere Erfahrung. Männer schnappen sich die Wellen und gehen mit einer anderen Haltung ins Wasser. Man muss sich Respekt verschaffen. Sie müssen sehen, dass man mehr Wellen surft als sie, aber es war super einfach, einen Job zu bekommen. Nach meiner Zeit in Galizien verbrachte ich drei Jahre in Teneriffa, wo ich Kinder unterrichtete. Ich stand um 6 Uhr morgens auf und fuhr mit einem Van voller Kinder herum.

Danach wurde ich Head Coach bei Pure Surf in Peniche und hatte dort den Sommer meines Lebens. Die Stelle macht sich auch gut im Lebenslauf. Für mich ging es dabei nie um Geld.

Machen Surfstunden mit Kindern mehr Spaß?

Mit Kindern spielt man mehr. Da ist mehr Energie, man gibt mehr, bekommt aber auch mehr zurück. Bei Erwachsenen hat man manchmal welche, die mehr Druck brauchen und andere, denen man mehr erklären muss. Da ist auch Psychologie im Spiel. Beim Surfen geht es nicht nur darum, aufzustehen, sondern man muss auch über das Meer lernen, Wellen lesen…

Was war der lustigste Moment während einer Surfstunde?

Das war auf Teneriffa mit den Kindern. Wir hatten drei Leute auf einem Surfboard und versuchten so etwas wie Acroyoga oder wir machten einen Wettbewerb, bei dem wir alle die gleiche Position auf dem Brett haben mussten. [Kiwi springt in eine Surfpose.]

Was ist das Schwerste, wenn man Surfstunden gibt?

Wenn man einen Schüler hat, der Angst hat und das nicht überwinden kann. Es geht darum, Spaß zu haben.

Unausgeglichene Gruppen sind auch schwierig. Es kommen so viele Leute zu Surfschulen und dann hat man Anfänger und andere, die schon seit zwei Wochen da sind. Einige brauchen dann mehr Aufmerksamkeit als andere. Das ist nicht leicht auszugleichen.

Wenn man jemanden retten muss, ist das natürlich auch schwierig. Einmal musste ich ein paar Kinder retten, die mit ihren Bodyboards zu nah an den Klippen waren. Es war nicht schlimm, aber ich war völlig außer Atem. Zum Glück musste ich nie jemanden wiederbeleben.

Welchen Tipp gibst du jedem, der mit dem Surfen anfängt?

  • Hab Spaß! Das ist das Wichtigste. Wenn man keinen Spaß daran hat, sollte man es sein lassen.
  • Außerdem sollte man nicht surfen, um sich zu entspannen. Sondern man soll sich entspannen, um zu surfen.
  • Und man sollte immer mit Leuten surfen, die mehr können, als man selbst und nicht ins Wasser gehen, wenn man sich nicht danach fühlt.
Kiwi in the garden at her home in Conil

Wer hat dich beim Surfen inspiriert?

Bryce Young und Torren Martyn. Free surf, Retro-Style, Twin Fin, One Fin – das inspiriert mich. Sie machen den Ozean zu ihrem Spielplatz und sie genießen es. Auf einem Longboard ist es mehr wie ein Tanz und es macht großen Spaß. Beim Surfen geht es nicht darum, supergut zu sein, sondern Spaß zu haben. Deshalb sagen mir Wettbewerbe nicht mehr zu. Und die Wellen geben immer eine Lektion. Bei einer Welle fühlt man sich super, bei der nächsten ist man ein Niemand. Es ist die Sprache des Wassers.

Welche Welle in der Welt weckt die schönsten Erinnerungen?

Es geht nicht um die Welle, sondern ums Gefühl. Ich liebte es, in Teneriffa und Peniche zu surfen, aber am meisten im Playa San Martín in Asturien. Man hat dort eine perfekte Lefthander-Welle und die verschneiten Berge im Hintergrund.

Wohin bist du gereist, um zu surfen?

Ich bin nur in Europa gereist. Ich würde als nächstes gern nach Indonesien zum Surfen. Es ist wichtig, dass man sich Zeit nimmt, neue Orte zu entdecken und besser kennenzulernen. Ich war drei Jahre auf Teneriffa und habe dort gelernt, dass man länger bleiben muss, um alle Surfspots zu erkunden. Es gibt dort 25 verschiedene Peaks.

Welcher Surfbreak hat dich enttäuscht?

Ich bin immer enttäuscht, wenn es windig ist. Und wenn zu viele Einheimische da sind, die einem das Leben schwer machen. Damit hatte ich an Flussmündungen mehr Probleme. Es ist alles okay, wenn man Respekt zeigt, aber für Frauen ist es immer schwerer.

Die WSL-Saison 2021 beginnt bald. Wer ist dein Favorit? Carissa oder Caroline?

Stephanie Gilmore. Sie ist bodenständig geblieben, nimmt es nicht zu ernst und hat den meisten Spaß. Die anderen versuchen es manchmal zu sehr. Sie ahmen die Jungs nach, die viel aggressiver surfen. Frauen haben mehr Gefühl und das müssen wir uns zum Vorteil machen.

Einige berühmte Profi-Surfer hatten mit psychischen Störungen zu kämpfen, z.B. Andy Irons, Sunny García, Keala Kennelly. Könnte Surfen eine Art der Selbst-Medikation sein? Siehst du eine Verbindung zwischen Surfen und der Psyche?

Andy Irons war ein tragischer Fall und sobald von außen Druck ausgeübt wird, geht es nicht mehr um Spaß. Für viele Leute ist es eine Flucht oder die Wellen sind der einzige Ort, wo man sich sicher fühlt. Auch Rob Machado entfloh dem an einem gewissen Punkt. Jeder hat ein anderes Gleichgewicht.

Der Ozean ist ein Ort, wo ich ich selbst sein kann. Im Wasser muss man nichts erklären und es ist ein guter Ort zum Meditieren, der viel Energie abgibt.

Danke Kiwi für das Gespräch, den Kaffee und die Einladung in dein Zuhause in Conil de la Frontera!

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