Big vs Small (2022)
Eine Doku über die erste Portugiesin, die Nazaré surfte
“Brave is not the one who is not afraid but the one who conquers her fear.” (dt.: “Mutig ist nicht, wer keine Angst hat, sondern, diejenige, die ihre Ängste überwindet.“)
Es ist eine Geschichte über die Bewältigung von Ängsten und Herausforderungen. Die Regisseurin Minna Dufton wählte dieses Zitat für den Anfang des Dokumentarfilms „Big vs Small“ und nutzte bewusst ein weibliches Pronomen. Es ist die Geschichte einer Surferin, der ersten Portugiesin, die die Giganten von Nazaré bezwang: Joana Andrade.
Charlie traf Joana in Ericeira im Oktober 2023 und hatte die Gelegenheit, ihr ein paar Fragen zum Film und zum Big Wave Surfen zu stellen.
Ein Film über Joana
Alles begann mit einem Traum, für beide: Joana die Surferin und Minna die Regisseurin. Während eines Retreats in Portugal kam Minna auf die Idee, eine Doku über Big Wave Surfen und Frauen im Surfen zu machen. Jemand stellte ihr Joana vor und sie unterhielten sich.
Joana erzählte ihre eigene Geschichte, wie sie mit dem Surfen begann und wie sie auf die Idee kam, Nazaré zu surfen. Es ist die Geschichte einer Frau, die nur 1,56m groß ist und die Surfen als ihren Sport entdeckte, als es fast nur Männer in diesem Sport gab. Zudem waren Surfer nicht gerade die Leute, mit denen sie sich laut ihrer Mutter damals umgeben sollte. Es ist auch die Geschichte von Missbrauch in der Kindheit und dem Heilungsprozess.
Minna war inspiriert und änderte den Plan: Es sollte nicht länger um Frauen im Surfen gehen, sondern um eine bestimmte Surferin, Joana Andrade.
Vorbereitung auf die großen Wellen
Big Wave Surfen ist beeindruckend und die meisten Leute sehen nur, was an der Wasseroberfläche passiert. Es erfordert gewiss Training und viel Wissen über den Ozean. Es ist aber genau der Teil, den man nicht sieht, für den man trainieren muss. Die Zeit unter Wasser ist für Big Wave Surfer die Herausforderung. Im Film ist von einer 30-Meter-Welle die Rede, die den Surfer 15 Meter unter Wasser drückt. In diesem Moment zählt nur Vertrauen auf die eigene Lungenkapazität und nicht in Panik zu verfallen.
Neben den normalen Atemübungen machte sich Joana zu einem Abenteuer auf. Sie traf Taucherin Johanna Nordblad im Dezember 2018 in Finnland. Ein großer Teil der Doku ist dieser Erfahrung gewidmet und zeigt die beiden Frauen, wie sie im Winter nur im Badeanzug in einem finnischen See schwimmen und unter Eis tauchen. Vieles, was Johanna im Film sagte, erinnerte Charlie an einen Vortrag vom Surf Summit in Frankreich von Taucher Arthur Guérin-Boëri.
Einerseits geht es um die Atmung, andererseits um die Sicherheitsausrüstung. Joana zeigt im Film, wie die Schwimmweste funktioniert und wie sie sich unter Wasser aufbläht, um den Surfer zurück an die Oberfläche zu bringen.
Nazaré: Aus Fischerdorf mach Surf-Reiseziel
Es ist genau diese Sicherheitsausrüstung, die entwickelt und verfügbar gemacht wurde, die zum Wachstum von Big Wave Surfen beitrug. Aus dem Fischerdorf Nazaré wurde dadurch eines der beliebtesten Surf-Reiseziele in Europa. Die Wellen werden von einer Schlucht unter Wasser ausgelöst und waren im Laufe der Geschichte schon immer riesig. Erst in den vergangenen Jahren nahmen sich auch Surfer dieser Welle an.
Der Dokumentarfilm “Big vs Small” erzählt auch die Geschichte von Nazaré und zeigt die älteren Damen, die das Gesicht des Dorfes ausmachen. Fischerei war immer eine der Hauptaktivitäten und der Ozean forderte viele Seelen ein. Dadurch ist die Anzahl an Witwen in Nazaré groß. Die Einwohner sind sich der Gefahr bewusst und der Film zeigt auch Big Wave Surfer wie Maya Gabeira und João de Macedo, die darüber sprechen. Es wird auch erwähnt, dass noch niemand in Nazaré gestorben ist, was leider zum Zeitpunkt dieses Textes nicht mehr wahr ist. Der brasilianische Big Wave Surfer Marcio Freire fiel im Januar 2023 den Wellen in Nazaré zum Opfer.
Ängste überwinden
Big Wave Surfer sind sich der Gefahr bewusst. Joana spricht viel über den Respekt vor den Wellen und deren Größe, sowie auch der Überwindung von Angst. Sie ist nur 1,56m groß und die Leute machten sich oft darüber lustig, aber für sie kommt Stärke aus dem Kopf, nicht dem Körper. Im direkten Gespräch zeigte sich, dass Joana stolz darauf ist, etwas geschafft zu haben, das viele ihr nicht zugetraut haben.
Ihr eigene Größe spielt keine Rolle, die Größe der Wellen aber schon. Zumindest werden so Weltrekorde aufgestellt. Im Gespräch erklärte Joana, dass sie nicht weiß, wie groß eine Welle tatsächlich ist, bis sie sie brechen hört und alles vorbei ist. Wenn sie in die Welle gezogen wird, sind es der Spotter an Land und der Jetski-Fahrer, die miteinander kommunizieren und die Informationen haben. Sie muss sich auf deren Urteilsvermögen verlassen. Der Spotter muss sich dementsprechend sehr gut mit dem Meer auskennen und alle drei müssen einander völlig vertrauen. Sie erwähnt stolz das Wort “Teamwork” und, dass man es gemeinsam viel weiter schafft.
Sie streitet nicht ab, dass sie Angst hat, wenn sie in eine riesige Welle gezogen wird und erklärt, dass Angst etwas Gutes ist, weil man sich dadurch selbst kennenlernt.
Die heilende Kraft des Ozeans
Joanas eigene Geschichte spielt eine große Rolle für ihren Surf-Werdegang. Sie spricht von psychischen Schmerzen und dem Einsatz von Alkohol und Drogen als Schmerzmittel. Surfen wurde zu ihrem Zufluchtsort, was ihrer Mutter gar nicht gefiel. Sie zeigt im Film, wo sie das Surfboard versteckte, um es schnell zu finden, wenn sie sich aus der Schule schlich. Sie spricht auch von dem Gefühl, dem Tod nahezukommen und ihre Limits zu testen.
Wellen schlagen
Joana Andrade ist die erste Portugiesin, die Nazaré surfte. Es ging ihr dabei nicht um Ruhm, sondern eher um eine persönliche Herausforderung. Die Reaktion der Presse überraschte sie, was im Film gut gezeigt wird.
Ihr war nicht bewusst, dass sie ein Umdenken und ein neues Bild von Frauen in Nazaré auslösen würde. Auch diese Frauen bekommen in „Big vs Small” eine Stimme und sind stolz auf Joana. Auch ihre Mutter ist stolz, obwohl sie anfangs dagegen war, dass ihre Tochter surfte. Sie spricht über ihre Sorgen, aber auch über die Möglichkeiten, die Frauen wie ihre Tochter heutzutage haben.
Auch das Thema der Gleichberechtigung im Profisurfen wird in der Doku erwähnt. Als Joana ihre ersten Preise gewann, war das Preisgeld für Frauen wesentlich geringer als für Männer. Heute sind die Beträge identisch.
Charlie fiel etwas auf, dass bei Joana anders ist: Sie surft ein sehr kurzes Board in sehr großen Wellen. Charlie hatte den Big Wave Surfer Rob Fowlie getroffen und sah sein zerbrochenes Board in Carwyns Garten. Es war ein Gun. Als sie Joana nach dem Shortboard fragte, erklärte sie, dass es eine Schlaufe für den Fuß hat und sehr schwer ist. Es wiegt 15 Kilo. Das ist ein weiterer Beweis, dass man es auf die eigene Art machen kann.
Big Wave Surfen: ein Abenteuer, das alles verändert
Für Joana hat das Surfen der riesigen Wellen in Nazaré ihr Leben in vielerlei Hinsicht verändert und es machte sie zu einer besseren Surflehrerin. Sie leitet ihre eigene Surfschule in Ericeira, Progress Surf School, und Charlie musste einfach fragen: „Hat Big Wave Surfen etwas an ihrer Art zu unterrichten verändert, vor allem, wenn Schüler Angst haben?“ Ihre Antwort war einfach: “Ich liebe es zu unterrichten.” Daran hat sich nichts geändert, aber das Thema Angst hat nun eine andere Herangehensweise. Sie ermutigt ihre Schüler, sich der Angst zu stellen, sich selbst in den Wellen kennenzulernen und in der „Waschmaschine“ ruhig zu bleiben. „Bei diesem Sport muss man im Moment leben.“ – Dabei spielt es keine Rolle, wie groß eine Welle ist.
Der Film “Big vs Small” ist auf Amazon Prime verfügbar. Er ist in Portugiesisch mit englischen Untertiteln.