Charlie in der Photographers‘ Gallery
Foto-Ausstellung: “Urban Impulses: Latin American Photography from 1959 to 2016”
Die Photographer’s Gallery in Soho ist einer dieser Orte, an den man häufig zurückkehrt, wenn man sich für Fotografie interessiert. Die Ausstellungen wechseln in regelmäßigen Abständen und es ist immer etwas los, sei es ein Workshop oder im Café.
Die derzeitige Hauptausstellung (Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels) dokumentiert urbane Szenen in Lateinamerika zwischen 1959 und 2016. Verschiedene Stile – von Dokumentarfotografie zu Collage – zeigen bedeutsame politische Gegebenheiten, die dem Kontinent in der zweiten Hälfte des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ein Gesicht gaben. Das Jahr 1959 als Ausgangspunkt wurde dabei nicht zufällig gewählt. Es war das Jahr der Kubanischen Revolution, die für den gesamten Kontinent eine neue Ära einläutete. Es folgten Militärdiktaturen in verschiedenen Ländern, soziale Bewegungen, Linksregierungen und kulturelle Vielfalt.
Die Kuratoren der Ausstellung sind Alexis Fabry und María Wills. Sie schufen eine Ausstellung mit starkem politischem Character, wobei sie nicht die Absicht hatten, Stereotype, Armut oder Elend zu zeigen. Kulturelle Aspekte und Geschlechterrollen sind dennoch präsent. Sie teilt sich in zwei Abschnitte auf zwei Etagen der Galerie: „POP-ULAR“ widmet sich der Pop-Kultur, „SHOUTS“ politischen Ereignissen.
Populäres im Alltag
Der Abschnitt, der den Titel „Pop-ular“ trägt, ist eine Mischung aus Mode und Elementen der Pop-Kultur, die vor allem durch Werbung zum Ausdruck gebracht wird. Prominent sind hier Marlboro, Superman und Coca-Cola, was zudem den Einfluss der USA auf lateinamerikanische Märkte verdeutlicht. Weitere Themen, die herausstechen, sind der Argentinische Tango, Nachtleben und Prä-Kolumbianische Kultur.

Prä-Kolumbianische Elemente in moderner Kultur
Die Fotografin Beatriz Jaramillo rückt in ihren Arbeiten architektonische Elemente in den Mittelpunkt, die durch Prä-Kolumbianische Symbole beeinflusst sind. In dieser Hinsicht sind die Arbeiten von Pablo López Luz, die als Teil der Serie „Neo Inca series“ ebenfalls in der Ausstellung zu finden sind, ähnlich. Die Fotografien zeigen Architektur in Bolivien und Peru, die zum Ausdruck bringt, wie Elemente der Inka-Kultur in urbane Kontexte eingebettet wurden. In diesem Zusammenhang ist auch ein Foto von Billy Hare gezeigt, das 1981 in Lima entstand. Es zeigt eine Wand mit einer Tür, die die gleichen architektonischen Elemente zeigt, wie die vorherigen Bilder. In diesem Fall aber ist es nicht Architektur, sondern Licht und Schatten, die den Effekt erzeugen.
Nachtleben und Geschlechterrollen
Das Nachtleben ist ein wichtiger Teil des Stadtlebens und darf in einer Ausstellung mit dem Titel „Urban impulses“ nicht fehlen. Die Bilder in diesem Teil zeigen die Eingänge verschiedener Nachtclubs mit Leuchtreklamen. Dies sind nicht nur die gewöhnlichen Clubs, sondern auch Stripbars und nackte Haut kommen in diesem Teil der Ausstellung nicht zu kurz. Unter anderem findet man hier die Arbeiten von Ayrton de Magalhães und Miguel Rio Branco, deren Hauptmotive Prostituierte und Stripperinnen sind.
Urbane Szenen und kreative Aufnahmen
Die Ausstellung zeigt noch weitere beeindruckende Bilder. Eines davon ist in Großformat am Eingang ausgestellt und zeigt eine Palme, die durch eine Tankstelle wächst. Es wurde 2012 von Sebastián Mejíaerstellt und trägt den Titel “Quasi oasis 17”. Es ist in der Tat eine Oase, in der die Palme mit voller Kraft etwas durchdringt, das von Menschen erschaffen wurde. Charlie mag dieses Bild aus verschiedenen Gründen: Einerseits zeigt es, wie Menschen doch auf die Natur achten, anstatt alles niederzuwalzen, andererseits ist das Bild einer Tankstelle an sich eine politische Botschaft, denn die Ressourcen wie Wasser, Bodenschätze und Öl führen seit langem zu politischen und sozialen Konflikten in Lateinamerika.
Ein weiteres Bild, das Charlie faszinierte, steht ebenfalls in Zusammenhang mit Bäumen und wurde 1978 von Lourdes Grobet gemacht. Das Bild ist zweimal in der Ausstellung zu finden und auf den ersten Blick konnte Charlie nicht sagen, wo genau der Unterschied liegt, aber es war klar, dass es einen Unterschied gab. Sie analysierte jedes einzelne Element im Bild. Nur so bemerkte sie, dass einige der Bäume am Straßenrand entfernt worden waren, was lediglich weißen Grund hinterließ. Es war schwer zu erkennen, denn das Bild war in schwarz-weiß. Es erinnerte Charlie an einige andere Bilder, die sie ein paar Wochen zuvor in der Ausstellung für die Sony Photography Awards im Somerset House gesehen hatte. Die Fotografin hatte Gebäude aus Bildern von Landschaften in Hawaii entfernt, um die Auswirkungen des Menschen auf die Natur zu verdeutlichen.
Das dritte Bild, das herausstach, wurde 1983 von Graciela Iturbide auf einem Platz in Quito gemacht und ist ebenfalls in schwarz-weiß. Ein älterer Mann steht vor einer Gruppe Menschen in der Mitte eines Platzes. Er trägt zwei Spiegel unter seinem rechten Arm, was zu einem interessanten Effekt im Bild führt, denn die Spiegel reflektieren die gegenüberliegende Seite des Platzes. Ähnlich des vorhergehenden Bildes musste Charlie eine Weile davor stehen bleiben, um zu verstehen, wie das Bild entstanden war und was den Effekt erzeugte. Die Antwort kann manchmal so einfach sein: Die Person im Bild trägt einen Spiegel. <

SHOUTS: Aufschrei politischer Ereignisse
Der zweite Teil der Ausstellung in einer anderen Etage der Photographer’s Gallery beschäftigt sich mit politischen Ereignissen und trägt den Titel „Shouts“. Die Kuratoren der Ausstellung erklären in einem Interview, das in der Ausstellung gezeigt wurde, dass die Bilder in diesem Teil Bewegung darstellen sollten. Charlie findet, dass ihnen das gelungen ist, sei es in der Darstellung physischer Bewegung oder auch politischer. Gezeigt werden Menschen in Bewegung sowie auch politische Aussagen, die auf Wände gesprüht worden. Diese Murales in Lateinamerika unterscheiden sich jedoch sehr in Thema, Kontext und (künstlerischer) Gestaltung von den Graffitis, die man für gewöhnlich in London sieht.
In einer Ausstellung über Lateinamerika, die im Jahr 1959 beginnt, dürfen zwei bedeutsame Namen nicht fehlen: Che Guevara und Fidel Castro. Beide sind vertreten neben anderen politischen Persönlichkeiten wie Pinochet. Auf diese Weise werden wichtige Ereignisse des 20. Jahrhunderts in diesem Teil der Welt präsentiert: Die Kubanische Revolution, linke und kommunistische Bewegungen sowie Militärdiktaturen.
Verschwunden
In diesem Zusammenhang zeigen einige der Bilder die Präsenz des Militärs, z.B. das Bild mit dem Titel „18.000 Soldiers Patrol the Streets of Santiago” (dt. „18000 Soldaten patrouillieren in den Straßen von Santiago“), dass 1983 von Helen Hughes aufgenommen wurde – in der Mitte der Regierungszeit Pinochets.
Was in der Ausstellung noch deutlicher gezeigt wurde sind die langfristigen Auswirkungen dieser Diktaturen auf die Gesellschaft. Von daher spielt auch das Thema der Desaparecidos (dt. die Verschwundenen) eine Rolle. Ein Foto von Ataúlfo Pérez Aznar zeigt Plakate, die Künstler und Menschenrechtsaktivisten 1983 um die Plaza de Mayo aufgehängt hatten. Sie zeigen die Umrisse von Menschen, wobei jeder dieser unsichtbaren Personen der Name, das Alter und der Beruf eines Verschwundenen oder Ermordeten zugeordnet wurde. Das Thema um die Desaparecidos ist bis heute relevant, da viele Menschen noch immer nicht wissen, was mit ihren Freunden und Angehörigen passiert ist. Menschenrechtsorganisationen wie die Madres de Plaza de Mayo sind nach wie vor aktiv und suchen Antworten. Auch das wird in der Ausstellung gezeigt, z.B. in einem Bild von Eduardo Longoni. Es wurde 1981 aufgenommen und zeigt ein Mitglied der Mütter der Plaza de Mayo während einer Demonstration. Im Hintergrund stehen Soldaten mit der Waffe im Anschlag. Diese beiden Bildelemente machen es zu einem Meisterstück der Dokumentarfotografie.
Bis heute werden viele Menschen vermisst und einige Fragen werden wahrscheinlich nie beantwortet. Wenn es eine Antwort gibt, dann ist es für gewöhnlich keine positive. Häufig hört man in den Nachrichten von Körpern, die an den Küsten Lateinamerikas angeschwemmt wurden. Der Künstler Anselmo Carrera machte dieses Thema zur zentralen Aussage seiner Arbeiten, die ebenfalls in der Ausstellung gezeigt werden. Er hatte im Laufe der Jahre Zeitungsausschnitte gesammelt, die die Gewalt in Peru zeigen. Diese Ausschnitte wurden in einer Collage zusammengestellt. Es handelt sich dabei nicht um Fotografie, ist aber legitimer Bestandteil der Ausstellung und reiht sich sehr gut in das Thema ein.
Soziale Konflikte
Neben der Präsenz des Militärs und der Gewalt zeigt die Ausstellung auch die Auswirkungen, die diese politischen Situationen auf die Gesellschaft haben. Das Bild „If you shoot, I shoot“ (dt. „Wenn du schießt, schieße ich auch) von by Pablo Ortiz Monasterio zeigt einen Jugendlichen, der eine Waffe auf den Fotografen/Betrachter richtet. Es verdeutlicht, wie die Gewalt einen jeden in der Gesellschaft betrifft unabhängig von der Altersgruppe.
Die Collage mit dem Titel „Catharsis“ von Enrique Bostelmann zeigt viele Gesichter wobei alle Mitglieder der Gesellschaft vertreten sind: Bauern, Kinder, Tagelöhner und Freiheitskämpfer. Das Ganze wird durch ein Bild von Héctor García komplementiert, welches eine Studentenbewegung in Mexico City im Jahr 1968 zeigt.
Zwei andere Bilder in der Ausstellung bringen zum Ausdruck, dass Konflikte in Lateinamerika oft sehr komplex sind: Das Bild von Pedro Valtierra zeigt wie ein indigener Lehrer auf der Straße von Soldaten verprügelt wird, wohingegen das Bild von Diego Levy Gewalt gegenüber Staatsbediensteten zeigt. Ein Polizist wird in diesem Bild von Demonstranten angegriffen. Es spielt hierbei keine Rolle, in welchem Land diese Bilder aufgenommen wurden, da die zugrundeliegenden Probleme überall in Lateinamerika vorliegen. Auch wenn die Gewalt nach Ende der Militärdiktaturen abgenommen hat, sind doch die Ursachen der Konflikte noch immer präsent und bis heute nicht gelöst.