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Charlie in Nürnberg

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Charlie on Nuremberg

Charlie in Nürnberg

Geschichten von Kaisern und Lebkuchen

Charlie hatte schon seit Langem überlegt, mal einen Tag in Nürnberg zu verbringen. Sie war relativ häufig in der Stadt, hat aber bisher außer dem Flughafen und dem Banhof nicht viel davon gesehen. Sie war einfach immer nur auf der Durchreise.

Sie landete an diesem Tag um 10 mit dem Flieger aus London und machte sich direkt auf in die Innenstadt. Sie hatte zwar nur Handgepäck, aber auch das wollte sie gerne schon im Hostel lassen. Eine Stadtbesichtigung ist ohne Koffer doch etwas angenehmer. Eigentlich buchte Charlie immer das A&O Hostel am Hauptbahnhof, wenn sie spät abends in Nürnberg ankam um am nächsten Morgen den Zug nehmen zu können, doch das war dieses Mal komplett ausgebucht. Also buchte Charlie ein Bett im Five Reasons Hostel, was ebenfalls in der Innenstadt lag.

Als Charlie ankam, wurde ihr sofort klar, warum es ein glücklicher Zufall war, dass sie noch ein bezahlbares Bett in einem Hostel hatte buchen können: Es war Rock am Ring – eines der größten Festivals in Deutschland, dass jährlich am Nürburgring stattfindet.

Entdeckungstour doch nicht auf eigene Faust

Charlie nahm die U-Bahn zur Haltestelle Opernhaus, welche direkt gegenüber vom Hostel lag. Als sie ankam, erklärte die Rezeptionistin gerade einem anderen Gast, wie er zum Festivalgelände kommen würde. Während Charlie wartete, wanderten Ihre Blicke durch den Raum. So gelang sie zu einem Stadtplan und fand auch die Information zu einer Stadtführung, die sie am Vortag vergebens versuchte hatte, online zu finden. Treffpunkt für die Tour war 11.00 Uhr an der Rezeption. Es war 11.05 Uhr.

Eigentlicher Beginn sollte dann um 11.30 am Schönen Brunnen am Hauptmarkt sein. Ein kurzer Blick auf den Stadtplan verrat Charlie, dass sie das schaffen konnte. Sie ließ ihren Koffer im Gepäckraum des Hostels und machte sich auf zum Treffpunkt. Manchmal läuft es eben auch ohne Planung wie nach Plan.

The beautiful fountain at the market in Nuremberg

Es handelte sich dabei um eine dieser kostenlosten Walkingtouren, die Charlie auch schon in anderen Städten gemacht hatte, bei der man am Ende dem Guide Trinkgeld gibt anstelle eines Tickets mit festem Preis.

Das war Charlie lieber, als die Stadt auf eigene Faust zu erkunden, denn bei diesen Touren bekam man immer auch ein paar Geheimtipps mit auf den Weg. Das sollte dieses Mal nicht anders sein.

Zeitreise zu den Anfängen der Stadt Nürnberg

Fabian, der Tourguide, begann den Rundgang mit einer Zeitreise ins 9. Jahrhundert, als die Burg an deren Fuße sich die Gruppe befand, erbaut wurde. Es sollte eine Militärfestung an einem geographisch strategischen Punkt in der Mitte Europas sein. Niemand hatte damals die Absicht, eine Siedlung auf Sandstein und sumpfigem Boden zu errichten, doch die Siedler kamen, um von der schützenden Eigenschaft der Burg zu profitieren.

View towards the castle and a part of Nuremberg

Es ging weiter durch die Geschichte der Stadt von der ersten urkundlichen Erwähnung, über den Reichtum einer Handwerksstadt im Mittelalter bis hin zum Verlust der Unabhängigkeit, als Napoleon die Stadt an König Maximilian, einen bayerischen Herrscher, übergab. Daraus resultierte der bis heute andauernde Konflikt zwischen Bayern und Franken darüber, wozu Nürnberg denn nun eigentlich gehöre. Von Fabian lernte die Gruppe, dass man einem Nürnberger wohl kein besseres Kompliment machen könne, als ihn, der politisch zu Bayern gehört, als „besten Franken“ zu bezeichnen.

Als sie die Kaiserburg erklommen hatten, lernten sie einiges über Nürnberg als Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und reisten bis ins 20. Jahrhundert und die Bedeutung der Stadt im Nationalsozialismus und Bombenangriffe auf Nürnberg im 2. Weltkrieg. <
Craftsman's village in Nuremberg

Mittelalterliches Nürnberg

Als sie am Dürer Haus und Denkmal vorbei liefen, über historische Tunnel sprachen und schließlich vor wunderschönen Fachwerkhäusern im Handwerkerviertel Halt machten, um ein Eis zu schlecken, reisten sie wieder ins Mittelalter zurück. Vor dem Henker mussten sie heutzutage keine Angst mehr haben und machten bereitwillig Halt auf der Brücke vorm Henkerhaus um die bilderbuchartige Architektur rund um den Fluss zu bestaunen und mit der Kamera einzufangen. Nürnberg hatte im Mittelalter wichtige Handelsbeziehungen zu Venedig und die Architektur mit den zahlreichen Brücken ist noch heute stark davon beeinflusst.

Nürnberg im 20. Jahrhundert

Bereits als Sie auf der Kaiserburg waren, erwähnte Fabian die Zeit des Nationalsozialismus. Die Erbauung des Nürburgrings ging darauf zurück. Allerdings war es an diesem Wochenende wegen des Festivals Rock am Ring schwer, das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zu besuchen.

An Stelle dessen, beschloss Charlie sich am Nachmittag die Gedenkstätte Memorium Nürnberger Prozesse anzuschauen. Diese befindet sich im Gerichtsgebäude oberhalb des Saals 600. Dieser wird noch heute für Verhandlungen genutzt und war der Ort an dem sich 1946 hochrangige Vertreter des NS-Staates ihrer Verantwortung stellen mussten. Mittels Audioguide wird erzählt, wie der Saal damals aussah und wer an welcher Stelle saß.

Die Ausstellung „Memorium Nürnberger Prozesse“

Die Ausstellung selbst zeigt Tafeln mit relativ viel Text, den man sich mittels eines Audioguides vorlesen lassen kann, sowie Bilder, Ton- und Videoaufnahmen der Nürnberger Prozesse. Die Ausstellung zeigt die verschiedenen Aspekte der Prozesse: welche Rechtssprechung galt, welche Hürden überwunden werden mussten (z.B. Unterbringung der Zeugen und Angeklagte, Transport, Umbau des Gerichtssaals, Pressearbeit), welcher Angeklagte welche Strafe erhielt und die Bedeutung der Prozesse als Vorläufer des noch heute bestehenden Internationalen Gerichtshofes in Den Haag. Als jemand, der sich für Sprachen interessiert war die wohl interessanteste Anekdote für Charlie, dass die Prozesse die Geburtsstunde des Simultanübersetzens waren.
Es war eine nette Auffrischung des einst in der Schule gelernten, aber wenn Charlie ganz ehrlich sein soll, dann würde sie sagen, dass sie schon beeindruckendere Ausstellungen besucht hat.

Mit Charme und Witz

Tower at the castle in Nuremberg

Jede Stadt hat ihre eigenen Geschichten und Anekdoten, die man erzählen kann und was das Besondere an einer kostenlosen Walkingtour ist, ist dass der Guide sie für gewöhnlich auf spaßige Art und Weise wieder gibt. Je unterhaltsamer er ist, desto mehr Trinkgeld kommt für ihn dabei heraus. Charlie kann sagen, dass Fabian dies gut gelang.

Wie die Nürnberger Namen vergeben

Auf ironische Weise machte er sich über die Kreativität seiner Nürnberger Vorfahren lustig, wenn es darum ging, wie Orte benannt wurden:

Heinrich III. benannte die Stadt Norberg, wobei nor die Bezeichnung für „steiniger Fels“ war, auf dem sich die Burg befand. Der Brunnen auf dem Hauptmarkt ist besonders schön und heißt daher Schöner Brunnen und der Turm direkt neben der Kaiserburg ist der „Luginsland“ von wo aus man gut in das umliegende Land schauen konnte. Wenigstens weiß man in Nürnberg also immer, woran man ist.

Eigentlich diente dieser Turm aber den Bürgern, in die Burg zu schauen, da sie dem Herzog nicht über den Weg trauten und versuchten, ihn bei einer Straftat zu erwischen. Als dieser endlich aus der Stadt vertrieben werden konnte, ging er nach Berlin und machte diese Stadt zur Hauptstadt. Da haben die Nürnberger wohl ihre Chance verpasst. Fabian aber schien darüber nicht allzu traurig zu sein.
Der Brunnen am Hauptmarkt ist tatsächlich sehr schön dekoriert mit bunten Figuren, die den Bürgern im Mittelalter die politischen Geschehnisse näher bringen sollten. Wenn ihr in Nürnberg seid und euch für eine Sehenswürdigkeit entscheiden müsst, dann sollte dies der Schöne Brunnen sein. Auf dem Weg dahin seht ihr sowieso einiges von der Stadt und ihrem Charme.

Close view at the beautiful fountain in Nuremberg

Bayern vs. Franken, Nürnberg vs. Fürth

An mehreren Stellen der Tour erwähnte Fabian den Identitätskonflikt der Nürnberger, da sie politisch zu Bayern gehören seit Napoleon die Stadt an König Maximilian überreichte, gefühlt aber sind sie eher Franken. Einer der Gründe für die Unzufriedenheit war das Verbot von Biergärten in den Gärten um die Kaiserburg, das von der bayerischen Regierung kurz nach der Machtübernahme erlassen wurde und das die Nürnberger noch heute bedauern. An verschiedenen Orten der Stadt sieht man auch entweder die blau-weiße Flagge Bayerns oder die rot-weiße Flagge Frankens und weiß auch somit immer gleich, woran man ist. Auch wenn es ums Essen geht, rät Fabian eher davon ab, in eines der blau-weiß dekorierten Restaurants zu gehen, ihr versteht sicher warum. Auf das kulinarische Nürnberg kommt Charlie später noch einmal zu sprechen.

An einer Stelle der Tour aber waren Fabian und mit ihm alle Nürnberger Stolz auf ihre Zugehörigkeit zu Bayern, denn der Fernsehturm in Nürnberg ist 5m höher als der in München und macht ihn somit zum höchsten Bauwerk Bayerns.

Ein weiterer Konflikt wurde während des Rundgangs deutlich: Nürnberg vs. Fürth. Dies geht sogar soweit, dass der Fluss, der durch Nürnberg fließt dort als Pegnitz bekannt ist, wohingegen man ihn in Fürth als Regnitz bezeichnet. Ein und derselbe Fluss, zwei Namen. Das war Charlie zuvor noch nicht begegnet.

River Pegnitz in Nuremberg

Stadt der Liebe

Wenn Charlie „Stadt der Liebe“ sagt, dann denkt ihr wahrscheinlich direkt an
Paris
. Aber es geht hier noch immer um die Stadt Nürnberg, die diesen Titel wohl auch verdient hätte.

Bereits am Treffpunkt, am Schönen Brunnen, hatte Charlie diesen Gedanken. Im Zaun, der den Brunnen umgibt, sind zwei Ringe versteckt: Einer ist der originale goldene Ring, der im Laufe der Zeit schwarz geworden ist, der zweite ist eine Nachbildung des Gleichen, der als „Touristen-Ring“ bezeichnet wird. Die Geschichte hinter dem Ring ist natürlich – ihr vermutet es schon – eine Liebesgeschichte. Es wird gesagt, dass wenn man den Ring dreimal dreht, fände man die Liebe seines Lebens. Als die Gruppe um den Brunnen lief, war ein Mann gerade dabei den Ring zu drehen und sagte: „So, jetzt wird’s was.“ Er drehte sich um und stellte fest: „Und schon ist meine Frau weg.“ Was das jetzt wohl bedeuten kann, überlässt Charlie eurer Phantasie. Er drehte sowieso an der Nachbildung des Rings und es sei dahingestellt, ob dieser überhaupt funktioniere.
On the way from the castle down to the city centre

Als sie vor dem Dürer Haus Halt machten, lernte die Gruppe nicht nur einiges über Albrecht Dürers malerische Arbeiten, sondern auch über die Geschichte hinter der Entstehung seines Selbstporträts. Ihr ahnt schon, auch hierbei geht es um eine Liebesgeschichte. Die Frau, der er versprochen worden war, Agnes, wollte keinen Mann ehelichen, den sie nicht gesehen hatte. Da kam es doch sehr gelegen, dass er Maler war und für sie ein Selbstportrait zeichnete. Der Beginn einer großen Liebe und ein Vorläufer des heutigen Selfies.

Der Weg von der Burg zurück in die Innenstadt brachte die Gruppe am Fluss entlang zu einer Insel, die von der Stadt vor einigen Jahren offiziell „Insel der Liebe“ benannt wurde. Es ist alles jugendfrei, aber es ist ein romantischer Ort, vor allem mit der Beleuchtung am Abend, den vor allem Paare gern aufsuchen.

Der Rundgang endete an der Lorenzkirche, die von der Architektur her fast identisch ist mit der Sebalduskirche, die sie am Anfang der Tour gesehen hatten. Wie kam es, dass zwei Kirchen unweit voneinander identisch aussahen? Auch dahinter verbirgt sich wieder eine Liebesgeschichte. Die Architekten beider Kirchen waren in die gleiche Frau verliebt und widmeten ihr jeder eine Kirche. Es blieb allerdings offen, wie die Geschichte ausging.

Kulinarisches Nürnberg

Was bei einem Stadtrundgang neben Geschichte und Sehenswürdigkeiten nicht ausbleiben darf sind die lokalen Spezialitäten. Davon scheint es in Nürnberg so Einige zu geben.

Nicht-vegetarische Küche

An erster Stelle steht hier natürlich die bekannte Nürnberger Bratwurst. Fabian weist hier auf einen Stand am Hauptmarkt hin, dem „Bratwursthäusle“, das er als ältesten „take away stop“ in der Welt bezeichnet. Die fränkische Küche ist insgesamt sehr Fleisch-lastig, was für Charlie, die in Thüringen aufgewachsen ist, keine Überraschung darstellt. Am Trödelmarkt empfiehlt Fabian das Restaurant „Trödelstube“, wo man wohl die besten Schäufele bekäme.

Was man in Nürnberg trinkt

Wofür sind die Deutschen generell bekannt? Ihr wisst, worauf es hinausläuft: Bier. Das ist in dieser Region Teil der Kultur und sehr vielfältig. Fabian erwähnt ein Lokal, das Landbierparadies, das jede Woche ein anderes lokales Bier vorstellt. Es dauert 5 Jahre, bis alle Biere der Region vorgestellt worden. Das gibt euch einen Eindruck davon, wie viel Bier hier gebraut wird.

Fabian empfiehlt noch ein anderes Lokal gegenüber des Dürer Hauses, das für seine Bierauswahl beliebt ist: „Der Wanderer“. Das Rote Bier sollte man wohl probieren. Charlie hatte es sich eigentlich auch vorgenommen, war aber am Ende des Tages zu erschöpft, um noch irgendwo hinzulaufen. Das sollte auch ok sein, wenn man um 3 Uhr in der Nacht aufgestanden war, um von London nach Nürnberg zu fliegen und dann einer 2,5-stündigen Walking Tour teilgenommen hat und anschließend noch eine halbe Stunde zum Memorium Nürnberger Prozesse und wieder zurück gelaufen war.

Die lokale Bierkultur war es auch, die Nürnberg im 2. Weltkrieg zu Gute kam. Die Historischen Felsengänge, unterirdische Tunnel, dienten im Mittelalter der Einlagerung und dem Transport von Bier. Während eines Bombenangriffs im 2. Weltkrieg, vor dem die Nürnberger 1,5 Stunden zuvor gewarnt worden waren, retteten die Tunnel vielen Menschen das Leben sowie auch einer Großzahl an Gemälden Albrecht Dürers und dem Schönen Brunnen. Es war gerade genug Zeit, diese Kunstwerke in Sicherheit zu bringen.
Grapevine in front of the castle

Ein weiteres Getränk darf an dieser Stelle nicht fehlen: der Glühwein. Der Nürnberger Christkindl Glühwein ist der wahrscheinlich bekannteste, der auch in Flaschen exportiert wird. Sogar auf Malta konnte Charlie zur Weihnachtszeit in den Genuss dieses heimischen Getränks kommen.

Wo wir schon von Weihnachten sprechen, dann doch auch von den Elisen Lebkuchen, für die Nürnberg ebenfalls berühmt ist. Auch im Sommer prägen diese das Stadtbild, denn man sieht an fast jeder Ecke eine Bäckerei, die mit diesen wirbt, mittlerweile sogar in großer Zahl als Mehl- und Glutenfreie Lebkuchen. Auch Tradition muss eben manchmal mit der Zeit gehen.

Fabian erzählte in diesem Zusammenhang, wie es zur Lebkuchen-Tradition kam und nimmt auf die Geschichte Bezug, die die Gebrüder Grimm später zum Märchen von Hänsel und Gretel inspirierte. Ein Bäcker-Paar in Aschaffenburg mit den Namen Hans und Grete hatte eine konkurrierende Bäckerin umgebracht, um an deren beliebtes Lebkuchenrezept zu gelangen. Diese aber hatte das Rezept zuvor an einen Freund in Nürnberg geschickt, der es nach ihrem Ableben unter der noch heute bekannten Marke „Lebkuchen Schmitt“ weiterleben ließ und vermarktete.

Charlie hat sich fest vorgenommen, zur Weihnachtszeit noch einmal einen Tag in Nürnberg einzuplanen und dem bekannten Christkindl Markt einen Besuch abzustatten. Dann könnt ihr hier mehr lesen von Glühwein und Lebkuchen.

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